Der Schmerz

SprungWasser

 

Heute muss ich über einen alten Bekannten schreiben. Er ist es wert. Das ist mir diese Woche wieder einmal klar geworden:

Tom hatte vor ein paar Tagen eine Aufführung an seiner Schule. Alle Klassen hatten für einen „bunten Abend“  kleine Stücke geprobt. Die Kinder haben auf der Bühne getanzt, gesungen, Sketche vorgetragen, die Eltern auf den Zuschauerplätzen geklatscht, fotografiert, gefilmt und sich gefreut.

Ich saß mittendrin. Und bin baden gegangen. Wie baden?

Ja, baden…

 

Der Schmerz

Er verändert sich.

Heute vor drei Jahren hatte ich noch Hoffnung. Auf ein „Alles wird gut“. Auf eine Zukunft, die für Julius „so schlimm schon nicht werden würde“.

Es war Sommer im Jahr 2013. Julius war gerade einmal 9 Monate alt.

Damals traf er mich noch mit voller Wucht. Der Schmerz. Immer und immer wieder. Im Krankenhaus, wenn die Ärzte uns schrecklich klingende Diagnosen mitteilten, nach einer Behandlung in der Physiotherapeutenpraxis und dem Erkennen, dass Julius nach wie vor keine Fortschritte gemacht hatte oder zu Hause, wenn ich allein mit unserem Sohn übte und übte, ihm zum zwanzigsten Mal in Rückenlage das linke Bein über das rechte legte, die Hüfte anhob und er sich trotz dieser Hilfestellungen nicht drehen wollte.

Oder beim Betrachten eines anderen, eines gesunden, gleichaltrigen Kindes.

Er schlug meistens dann zu, wenn die Hoffnung gerade wieder aus ihrem Erdloch gekrochen kam.  Dabei lugte sie nur knapp über den Grabrand heraus, grinste mir von dort aus naiv ins Gesicht.

Meist kamen die Angriffe plötzlich. Und sie waren wie heftige Detonationen. In meinem Inneren. Atomkerne, die in meiner Bauchhöhle gespalten wurden, nukleare Feuer entfachten und eine Druckwelle auslösten. Eine Druckwelle, die sich ausbreitete, von innen nach außen, bis in die Kapillaren der Fingerspitzen, bis in die Haarwurzeln, in die Zehenkuppen. Wie nur aushalten, diesen Druck? dachte ich.  Haare ausreißen? Schreien bis die Stimmbänder in Fetzen an der Luftröhre hängen? Fäuste gegen Wände donnern?

Wohin bloß mit diesem Schmerz?

Er musste raus. Raus aus mir. Doch wie?

Er war grausam. Quälend. Zerstörerisch. Er wird mich verwüsten, dachte ich. Damals.

Hat er nicht.

Heute fühlt er sich ganz anders an. Er ist viel sanfter geworden. Fast möchte ich schreiben, er ist zu einem guten Freund herangewachsen. Zu einem Vertrauten allemal.

Heute tauche ich manchmal ein in ihn. Tauche ein. Und tauche ab.

Vielleicht ist er vom Element des Feuers zu Wasser geworden. So leicht wie Luft ist er nicht, nein. Auch nicht fest und beständig wie Erde. Er ist fließend weich, umspült meinen Körper, meine Arme, meine Beine, meinen Geist. Zaghaft, aber doch mit Widerstand. Seine Berührungen sind kräftig, bestimmt. Aber nicht mehr zerstörerisch.

Im Wasser bin ich auch nicht hilflos, ich kann doch schwimmen, kann durch das kühle Nass des Schmerzes hindurchtauchen. Und Wasser erfrischt, Wasser reinigt.

Ja, manchmal gehe ich nun also baden.

Zum Beispiel, wenn ich strahlenden Kindern dabei zusehen darf, wie sie voller Stolz und Freude ihre einstudierten Lieder präsentieren.

Dabei weiß ich nicht einmal, warum ich in diesem Moment ins Wasser springe?  Weil das Glück darüber, dass Tom mit da oben stehen kann so sehr weh tut? Oder eben doch aufgrund der Tatsache, dass Julius niemals ein solches „Bühnenerlebnis“ erfahren darf?

Keine Ahnung. Und so ist eines gleich geblieben in der Beziehung zu meinem Freund.

Das Unvorhersehbare. Das Plötzliche.

10 Gedanken zu „Der Schmerz

  1. Liebe Frau Gabriele Noack!
    Nachdem sich unsere Tochter nicht altersgerecht entwickelt wurden wir an ein SPZ überwiesen. Dort wurde der Verdacht eines Gendefekts geäußert. Seitdem ist unsere Welt eine andere. Um besser damit umgehen zu können habe ich einige Bücher über Behinderungen und Syndrome etc gelesen. Dabei bin ich auch auf Ihr Buch gestoßen und es hat mich sehr berührt. Ich habe mich in Ihren Gefühlsschilderungen sehr oft wieder gefunden. Ich bin Ihnen unendlich dankbar dafür es lesen zu dürfen.

    Ich sehne mich jeden Tag danach mit jemandem reden zu können der ähnliches durchmacht bzw erlebt. Sollten Sie mir irgendwelche Adressen nennen können an die ich mich wenden kann oder können Sie sich sogar selbst vorstellen sich mit mir zu treffen wäre ich Ihnen unendlich dankbar dafür. Wir wohnen übrigens ebenfalls im Rems-Murr-Kreis. Per E-Mail können wir auch gerne weiteres austauschen. Natürlich nur wenn Ihnen danach ist.

    In unendlicher Dankbarkeit für Ihre ehrlichen Worte, Gefühle und Emotionen, Tina

  2. Liebe Gabi,
    danke, dass du das schreibst, was mein Mann und ich auch immer wieder denken. Und ich bin glücklich, dass wir nicht alleine mit diesen Gedanken sind. Auch wir sind oft traurig mit ansehen zu müssen, wie gesunde Kinder das tun können, was sie gerade in dem Alter tun können und dürfen. Ich guck dann meinen Jungen an und sag ihm, dass es bei dir alles ein wenig anders läuft und erkenne, das es so ganz gut ist. Denn ohne meinen Jungen würde ich diese Erfahrungen nicht machen dürfen und mein Leben anders verlaufen. Heute weiß ich, ich will das nicht mehr anders und bin glücklich. Glücklich mit meinem Sohn.
    Liebe Grüße Simone

  3. Liebe Frau Noack,

    Ganz zufällig bin ich auf Ihr Buch gestoßen. Und ich muss sagen, wow!!!!! Fuer mehr fehlen mir die Worte. Es hat mich tief beeindruckt.

    Ich muss gestehen, das Buch hat mich aus ganz egoistischen Gründen angesprochen, weil ich mich mit fast 40 Jahren frage, wie es waere, jetzt schwanger zu sein und ein behindertes Kind zur Welt zu bringen. Und die große Angst davor. Die immer beiseite gewischt wird. „nur“ 5%. Danke, dass Sie so ehrlich und authentisch erzählt haben und mir die Möglichkeit der Auseinandersetzung geben. Was mich unglaublich berührt hat, ist, dass ich beim Lesen gemerkt habe, das ich mein behindertes Kind lieb haben könnte. Genauso wie ein gesundes. Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Ich hoffe, er plumpst noch öfter. Dass ich mich dann traue. Danke.

    1. Liebe Verena,

      Danke für Ihre berührenden Worte! Ich kenne diese ganzen Zweifel nur allzu gut. Ich denke, dass letztendlich der Bauch entscheidet – und das ist doch gut so…
      Ganz herzliche Grüße und alles Gute!
      Gabriele Noack

  4. Liebe Fr.Noack,
    Ich habe Ihr Buch förmlich verschlungen.
    Vielen vielen Dank für Ihr offene- und ehrliche Art und Weise, Ihre Gefühle, Gedanken und Emotionen niederzuschreiben.
    Das hat mich zutiefst- und nachhaltig beeindruckt.
    Ich selbst bin Mutter von mehrfach behinderten Zwillingen.
    Sie kamen im Okt.2013 in der 25.SSW zur Welt und hatten Beide eine schwere Hirnblutung.
    Ihr Buch hat mir Mut gemacht und mich zum Umdenken angeregt..
    DANKE für dieses wunderbare Buch und für Ihren Mut, Ihre Geschichte zu veröffentlichen.
    Viele Grüße

    1. Liebe Andrea,

      haben Sie vielen lieben Dank für diese schöne Mail! Ich wünsche Ihnen und Ihren zwei Kleinen alles, alles Gute und ich freue mich, wenn Sie mich hier besuchen kommen!
      Herzliche Grüße
      Gabriele Noack

  5. DANKE Frau Noack für ihr wundervolles Buch u Ihren ehrlichen Beiträgen. Wir sind auch Eltern eines mehrfach-schwerbhinderten Jungen und können uns in so vieles wiederfinden.

    Herzliche Grüße
    Rebekka

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