Die Freiheit im Käfig

 

Straße

 

Mamma Mia, es geht schon wieder los, kannnnnn es denn normal sein…., Mamma Mia….

Tom trällert im Sitz neben mir den namengebenden Song des bekannten Musicals. Es ist die einzige CD, die bis jetzt den Weg in mein neues Auto geschafft hat. Reiner Zufall, dass es gerade diese CD ist. Interessant ist nur, dass Tom mittlerweile fast alle Texte der 24 Lieder darauf auswendig kann.

Denn wir fahren oft Auto.

Weil ich gerne Auto fahre.

Ich finde es fantastisch, alle Kinder und den Hund sicher angeschnallt, festgezurrt und eingesperrt um mich herum zu haben. Wenn ich es mir recht überlege, ist die Zeit im Auto vielleicht sogar die schönste, auf jeden Fall die entspannteste des ganzen Tages. Schon mehr als einmal bin ich auf unserer örtlichen Schnellstraße an der Abfahrt, die zu unserem Dorf führt, einfach vorbeigefahren.

Ohne mit der Wimper zu zucken.

Weil es gerade so herrlich ruhig im Inneren meines Wagens war. Erst eine Ausfahrt später habe ich den Blinker gesetzt und bin dann gemütlich die Landstraße wieder zurückgegondelt. Circa fünfzehn Minuten bringt das mir. Fünfzehn Minuten wertvolle Zeit.

Zeit für mich.

Zeit, in der Keiner umfallen, abhauen, sich anschlagen oder sonst irgendwie verletzen kann. Man kann im Auto keine Türen knallen und nichts zernagen. Ich muss dem Hund nicht hinterher rennen, weil er wieder Julius  Wollsocken im Maul hat, die er heimlich von den eiskalten Füßen unseres, an den Extremitäten immer katastrophal schlecht durchbluteten Sohnes, gezogen hat. Ich muss nichts aufwischen, weil Tom sich sein Glas bis über den Rand mit Orangensaft vollgefüllt hat. Ich muss nicht mit der Playmobil Ritterburg spielen und mich nicht mit den kleinen Plastikgeschossen bombardieren lassen. Ich muss nicht einmal Julius füttern. Ich kann ja nicht. Denn ich muss ja steuern. Also, hänge ich manchmal, wenn ich ein bisschen länger unterwegs bin, schlichtweg die Ernährungspumpe mit der Sondennahrung an die Rückwand meines Vordersitzes  und mein kleiner Sohn erhält seine Flüssigkeit oder seinen Hippbrei nicht über den zeitaufwendigen Umweg durch den Mund, sondern auf direktem Wege in den mittleren Verdauungstrakt. Ich muss im Wagen nicht einmal telefonieren, weil die eingebaute Freisprecheinrichtung des neuen Dacias so schlecht ist, dass man mich sowieso nicht verstehen würde. Also, kann ich in dieser Zeit auch nicht mit der Krankenkasse oder mit sonst irgendeiner Behörde um irgendwelche Hilfsmittel oder bürokratischen Abläufe streiten. So vieles ist beim Autofahren nicht möglich. Noch besser!

Es ist sogar verboten! Und das ist wundervoll. Herrlich. Entspannend. Man kann schlichtweg nur dasitzen und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Darüber hinaus  bietet der Aufenthalt im Auto für mich noch weitere beachtliche Vorteile. Man kann zum Beispiel in diesem engen Raum die Temperatur wunderbar regulieren, so dass im Winter selbst Julius immer warme Hände und Füße haben kann. Das bedeutet, dass ich nicht stundenlang seine Zehen kneten und Kirschkernkissen erwärmen muss, damit seine Haut eine einigermaßen lebendig aussehende Farbe erhält.

Man kann sogar im Auto essen. Auch das haben wir mittags schon gemacht.  An den Tagen, an denen ich wirklich müde war. Dazu mussten wir nicht einmal aussteigen und noch besser, ich musste die Insassen nicht  losschnallen. Wir sind angegurtet in den Mc Drive gefahren und haben das Essen vom Sitz aus entgegengenommen. Dabei bestand überhaupt keine Gefahr, dass sich ein Kind am Kochwasser verbrüht oder sich mit dem Messer schneidet. Oder, dass der Hund sich die Wurst und den Brokkoli  vom Tisch holt. Denn der ist im Auto ja in seiner Box.

Im Auto bin ich frei.

Überallhin könnte ich fahren. Rein theoretisch, müsste ich überhaupt nicht mehr von der Schnellstraße abfahren, könnte  einfach weiter bis nach Italien düsen. Oder bis nach Frankreich. Oder Südspanien.

Ich bin frei!

Und das, obwohl ich mich paradoxerweise in einem Käfig befinde. Das Auto nennt man doch so.

Käfig. Faradayscher Käfig.

Irre.

2 Gedanken zu „Die Freiheit im Käfig

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