Gestrichen

segeln1

Wir streichen Sie aus unserer Studierendenliste. Das hat Sie geschrieben. Unsere Ausbildungsleitung. Oder korrekterweise: meine ehemalige Ausbildungsleitung.

Ups.

So deutlich wollte ich es eigentlich gar nicht hören, besser gesagt lesen. Hätten Sie nicht schreiben können: Wir machen mal eine Klammer um Ihren Namen, legen Ihre Akte in den Schrank oder bringen Sie in den Keller oder aufs Klo oder sonst wohin? Irgendwohin, wo man mich wieder hervorholen, rausholen und ich mich wieder-holen kann?

Aber was jammere ich denn jetzt hier herum? ICH habe mich doch entschieden.

Aber mit Entscheidungen ist das so eine Sache. Ich finde, es gibt nichts Undankbareres im Leben als Entscheidungen zu treffen. Erstens, weil sie immer falsch sind. Und immer richtig.  Und das auch noch gleichzeitig. Das ist ziemlich bescheuert. Aber ganz genau das ist das Wesen einer Entscheidung.  Sonst wäre es wohl keine.

Ich hasse Entscheidungen. Deshalb ziehe ich sie manchmal wie ein schweres Gewicht an einem dicken Seil hinter mir her. So wie dieser Extremläufer, über den ich einmal einen Film gesehen habe. Der ist mit einem alten schweren Autoreifen im Schlepptau den Berg hoch gerannt. Damit er, sobald er den Ballast abgeworfen hatte, schneller sprintete. Trainingseffekt nennt man das.

Bei mir ist es nur so, dass ich nie weiß, wann der Zeitpunkt gekommen ist, loszulassen.  So passiert es, dass ich mich oft kilometerlang weiter plage. In diesem Fall jetzt sogar jahrelang. Dahinter steckt immer die Hoffnung, der Autoreifen möge wie von Geisterhand platzen, davon fliegen, explodieren, oder sonst was tun.

Was er allerdings noch nie getan hat.

Wenn man eine Entscheidung trifft, gibt man so Vieles auf, finde ich. Und gewinnt Einiges dazu. Nur was zählt jetzt mehr? Das Vieles oder das Einiges?

Noch komplizierter wird die Sache, wenn man zweitens bedenkt, dass ja irgendwie nichts so bleibt, wie es ist. Das, was wir heute gut finden, geht uns morgen womöglich auf den Nerv. Wie bitteschön, soll man da eine vernünftige Entscheidung treffen? Unmöglich, würde ich mal sagen.

Eine vernünftige Entscheidung.

Falscher Ansatz. Für eine Entscheidung. Zumindest bei mir.

Wir sind heute in der glücklichen oder unglücklichen Lage, viele Entscheidungen „fühlen“ zu dürfen. Wann, oder ob wir Kinder bekommen, was wir beruflich machen wollen, ob wir es wagen zu heiraten, ja sogar, ob wir lieber Männlein oder Weiblein sein wollen. Alles frei zu wählen! Braucht nur ein bisschen Gefühl, könnte man meinen.

Boahhhhh! Nein, das ist alles andere als leicht. Das kann schon mal dauern.

Meine aktuelle Entscheidung hat jetzt fast vier Jahre gedauert. Und hunderte von Analysestunden. MEINE GÜTE!, könnte man denken. Tja, ich kann auch nichts dafür, dass ich es jetzt erst spüre. Die Verbindung zu meinen Gefühlen ist eben nicht immer klar und unmissverständlich. Es gibt hin und wieder Übertragungsschwierigkeiten, würde ich mal sagen. Außerdem kam in letzter Zeit häufig etwas anderes dazwischen. Etwas, das zunächst zu klären war.

Und es ist ja nicht so, dass, nur weil man fühlen darf, die Vernunft gar nicht mehr vorhanden ist.  Selbst wenn man schon lange „fühlt“ was Sache ist, kann es einem der Kopf ganz schön schwer machen.

Ich werde meine Ausbildung zur Therapeutin nicht beenden.

Habe ich entschieden. Zuerst mit dem Kopf. Dann mit dem Bauch. Vielleicht verwandelt sich auch manchmal der Kopf zum Bauch, also die Vernunft in ein Gefühl, frage ich mich so beim Schreiben? Eine entscheidende Wandlung sozusagen.

Drittens, werden Entscheidungen, umso älter man wird, ja auch verdammt bedeutsam und weitreichend. Stellt man in jungen Jahren fest, aktuell mit der falschen Frau oder dem falschen Mann verheiratet zu sein, bleibt noch genug Zeit, um seine einmal getroffene Entscheidung zu revidieren. Irgendwann jedoch, wird es allerdings eng, mit den noch ausstehenden Möglichkeiten – wenn man nicht gerade Liz Taylor heißt, die achtmal oder so verheiratet war.

Für uns Normalsterbliche gibt es mit zunehmenden Alter für immer mehr Entscheidungen kein Zurück.

Ich werde in meinem Leben also keine Praxis eröffnen. Keine psychoanalytische Therapeutenpraxis zumindest.

Eine Entscheidungen, die mir wirklich schwer gefallen ist. Weil ich sehr an der Psychoanalyse hänge.

Aber es ist wie beim Segeln:

Manchmal muss man „reffen“.

Vielleicht bin ich vor Julius „hart am Wind“ gesegelt. Das kostet Kraft und man hat keine Zeit, sich um Anderes zu kümmern. Man muss das Steuer gut festhalten und sich auf den Kurs konzentrieren.

Damals hatte ich ein Ziel vor Augen. Weil dieses Ziel für mich Sinn machte. Weil ich dachte, dass es wichtig für mich ist, dieses Ziel zu erreichen.

Das hat sich verändert.

Ich muss nirgends mehr ankommen. Also nirgends mehr in meiner Umgebung.

Sondern nur noch bei mir. Aber dazu muss ich nicht Therapeutin sein.

Außerdem sitzen mittlerweile einige Menschen in meinem Boot.

Da segelt man anders.

Deshalb habe ich mich entschieden, Vieles aufzugeben.

Und kann dafür Einiges bekommen.

2 Gedanken zu „Gestrichen

  1. Liebe Frau Noack,
    Ich kann mir vorstellen, dass das eine schwere Entscheidung war…
    Gerade habe ich Ihr Buch zu Ende gelesen. Ich bin durch den Artikel, der kürzlich in der Stuttgarter Zeitung erschienen ist, darauf aufmerksam geworden, habe es sofort bestellt und dann förmlich verschlungen.
    Ich kann gar nicht beschreiben, was ich beim Lesen empfunden habe, es war, als würde ich die Geburt meines jüngeren Sohnes und die darauffolgende Zeit nochmals erleben…
    Inzwischen ist mein Sohn 18 Jahre alt, sein Krankheitsbild ist ein anderes, als das von Julius,
    aber es gab auch nie eine genaue Diagnose, keine Erklärung…
    Das Buch hat mich unglaublich berührt, ich habe soviele Parallelen gespürt und ich finde, es ist ein sehr mutmachendes Buch.
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles, alles Gute!
    Doris

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