Sind wir verrückt geworden?

OttoPorträt1

 

Letztes Jahr im September…

 

„Riechst Du auch was?“ Michael zieht mehrmals hintereinander lautstark Luft in die Nase.

„Das wird doch nicht Otto sein?“ Er dreht sich um und blickt vom Beifahrersitz aus schnüffelnd nach hinten.

„Otto muffelt!“ meint er naserümpfend.

„Lass ihn!“ keift Tom sofort zurück. „So riechen Hunde. Das ist normal!“ Den Arm hat unser Siebenjähriger beschützend auf die lilafarbene Plastikbox gelegt, die zwischen seinem und Julius Kindersitz eingeklemmt ist.

Wir zwei Erwachsenen blicken uns kurz an. Wir müssen grinsen. „Vielleicht hat er nur gefurzt“, sagt Michael beschwichtigend.

„Vielleicht“ erwidere ich leise und schaue konzentriert auf die Straße.

Vielleicht riecht es aber ab jetzt immer so in unserem Auto. In unserem Haus. In unseren Betten. Auf unserem Sofa, grüble ich und spüre schon wieder, wie sich irgendeine Innerei in meinem Unterbauch zusammenzieht. Hoffentlich war das nicht eine falsche Entscheidung, höre ich die Stimme des Zweifels in mir.

 

„Mama?“

„Ja, Tom?“

„Mama, ich hätte niemals gedacht, dass ich tatsächlich einen Hund bekomme“, schreit mir Tom glücklich von hinten zu.

Ich sage nichts. Nicke nur. Ich auch nicht, Tom! denke ich im Stillen. Nein, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Und mir fallen die Schildkröten ein, die wir seit längerem als mögliche Haustiere diskutiert hatten. Weil sie so unkompliziert in der Haltung seien.

Jetzt ist es eben ein Hund geworden. Ein Hund! Wieder spüre ich eine heftige Darmperistaltik. Ich atme tief ein und laut hörbar aus.

„Vielleicht tut uns allen ein Hund ganz gut“, meinte Michael vor nur wenigen Wochen, nachdem Tom eines Abends einmal den Wunsch nach einem Vierbeiner geäußert hatte. Einmal! Andere Kinder schreiben ihren Eltern monatelang herzzerreißende Bitt-und Flehbriefe und bekleben diese mit ausgeschnittenen Bildchen ihrer Traumtiere. Manche schreiben jahrelang. Und kriegen keinen.

Was ist nur in uns gefahren?, frage ich mich in Gedanken. Sind wir verrückt geworden? Wenn wir nun einen Ausflug planen, müssen wir uns nicht nur an der Barrierefreiheit orientieren, sondern benötigen auch noch einen Hundereiseführer.

„Ich weiß nicht, ob wir das mit dieser Welpenerziehung hinbekommen!“ hatte ich der Züchterin beim Abholen dieses wilden, tiefschwarzen Wollknäuels mit einem Lächeln der Verunsicherung leise zugemurmelt.

„Aah wo! I hoob sait zwonzg Joahr a Puadelzuacht und siaba Kinder. Wennst Kindar groaßziahen konnst, kriagst au den Pudel hi. Schliammer wird’s neet!,“ hatte die resolute Bayerin mir energisch ins Ohr gejodelt.

Dass ich mir manchmal aber auch nicht sicher war, ob ich das mit den Kindern richtig hinbekomme, habe ich natürlich nicht laut geäußert.

 

Wir sind zu Hause angekommen.

Ich stelle den Motor aus und ziehe die Handbremse an.

„Jetzt lassen wir als erstes Otto raus“, sage ich. Tom springt mit der Miniaturausgabe einer Hundeleine in der Hand aus dem Auto. Gemeinsam öffnen wir die zwei Verschlussriegel des Transportkastens, verbinden schnell die Leine mit dem bereits angelegten Halsband unseres neuen Familienmitglieds und ich trage Otto zügig zum nächstgelegenen Rasenfleck. Das Tier begibt sich sofort in Pinkelposition.

„Na, guck mal“, rufe ich entzückt. „Das klappt ja schon“. Das Trainieren der Stubenreinheit ist doch nicht so schwer, denke ich  fast prahlerisch und verspüre eine etwas voreilige Souveränität in mir aufleben.

Michael schiebt Julius zu uns.

„Otto hat sich schon am richtigen Ort gelöst“, verkünde ich.

„Was ist gelöst?“ fragt Tom.

„Das heißt „pinkeln oder Kacki machen“ in der „Hundewissenschaft“, erkläre ich – nicht ganz ohne Stolz über meine neu erworbenen Kenntnisse. Immerhin bin ich die einzige in unserer Familie, die bereits zwei Hundeerziehungsratgeber komplett durchgelesen hat.

„Kommt wir gehen noch ein paar Meter“, schlägt Michael vor. Wir trotten langsam über den Schotterweg zu den angrenzenden Feldern. Tom führt sorgsam seinen neuen Freund und lässt ihn keine Sekunde aus den Augen. Mir fällt auf, wie angespannt er jeden seiner Tritte beobachtet.

„Mama?“

„Ja, Tom?“

„Ist Otto gesund?“

„Ja, klar!“

„Aber, schau mal, der läuft so komisch!“

„Der läuft doch nicht komisch!“

„Doch! So schräg!“

„Ich finde Otto läuft völlig normal!“

„Nee, der läuft schräg! Guck doch!“

„Quatsch!“ sage ich genervt.

„Was ist, wenn der das gleiche wie Julius hat?“ Toms Augen blicken mich ängstlich an.

„Otto ist topfit, Tom, da musst Du dir keine Sorgen machen!“ meint Michael. Gedankenverloren betrachte ich das lustig auf seinen Pfoten herumhüpfende, gerade einmal acht Wochen alte Hundebaby. Dann ergreife ich das Händchen unseres fast dreijährigen Sohnes, der in seinem Rehabuggy ebenfalls aufgeregt, aber völlig unkoordiniert seinen Kopf hin und her bewegt.

 

Sechs Tage später…

Sechs Tage später mache ich mich auf den Weg in die Welpenschule. Ich ziehe meine abgetragene grüne Regenjacke an und steige in meine Gummistiefel, an denen noch der Staub aus dem Keller zu sehen ist. Kurz blinken Erinnerungen an längst vergangene, regnerische Tage auf, an denen ich mit dem quirligen Tom in genau denselben Klamotten in den Wald geflüchtet bin. Meine anfänglichen Pläne kommen mir in den Sinn, auch mit Julius bei Wind und Wetter nach draußen zu gehen. Mein Blick gleitet zu der lilafarbenen Box, die auf dem Boden neben mir steht und aus der mich ein schwarzes Augenpaar erwartungsvoll anblickt.

„Nun gehen eben wir los, Otto“, murmele ich und schnappe mir den Tragegriff.

Heute Nachmittag wird Julius von einer Krankenschwester versorgt und ich kann mich ungestört meiner neuen Aufgabe widmen. In einem meiner zwei Hundeerziehungsbücher habe ich gelesen, dass man sich bereits nach maximal einer Eingewöhnungswoche zu Hause, solch einer Gruppe anschließen sollte.

„Das ist doch viel zu früh“, dachte ich. Heute, nach sechs Tagen mit Hund, bin ich mit den Nerven bereits ziemlich fertig und mehr als froh, endlich kompetente Erziehungshilfe zu erhalten.

Ich bin spät dran. Macht ja nix, ich werde lediglich ein paar Minuten unpünktlich sein, beruhige ich mich. Als ich das Auto auf der matschigen Wiese abstelle, sehe ich bereits eine kleine Menschengruppe in einem eingezäunten Garten im Kreis stehen. Ich nehme Otto aus der Box und laufe mit ihm entschlossen auf die anderen zu.

„Hallo!“ rufe ich freundlich in die Runde und schüttele reihum Hände.

Guten Tag, Frau Noack“, begrüßt mich die Lehrerin mit einem ernsten Gesichtsausdruck. „Ich möchte ihnen vorab sagen, dass wir ab jetzt immer pünktlich starten. Ich möchte nicht, dass eine ganze Gruppe warten muss, nur weil ein Teilnehmer fehlt!“

„Ja, klar…oh Entschuldigung, nein, wird nicht wieder vorkommen…“, stammle ich. Ich hätte es mir denken können, geht mir durch den Kopf. Auf jeder Seite meiner zwei schlauen Ratgeber, habe ich von der Wichtigkeit einer absoluten Konsequenz und uneingeschränkten Disziplin in der Hundeerziehung gelesen. Somit ist es im Grunde eigentlich logisch, dass in der Hundeschule die „akademische Viertelstunde“ nicht existiert.

„Gut, dann starten wir“, ordnet die Leiterin an und erklärt uns den Ablauf des Treffens.

Wir locken unsere kleinen Schüler mit Leckerlies über Holzlatten, durch Zelte und auf Plastikplanen. Otto zieht immer wieder ungestüm zu der Hundemama neben mir. Er springt an ihr hoch, streckt sein Näschen gierig schnuppernd an ihren Beinen in die Höhe. „Na, bei dir scheint es ja etwas besonders Leckeres zu geben“, meine ich witzelnd zu der Dame mittleren Alters in Trekkingschuhe und mit Schieferkappe auf dem Kopf. Auf dem Übungsplatz ist das „Du“ üblich, hat uns vorhin die Chefin erläutert. „Ja, ich habe vorhin noch Hühnchen abgekocht“, antwortet die Frau ein klein wenig aufgeblasen, wie ich finde.

Und ich starre sie an, währenddessen sie sich schon wieder ihrem Border Collie widmet.

Habe ich richtig gehört? Sie hat Hühnchen gekocht? Für den Hund? Bei uns ist es ganz genau andersherum, denke ich. Beschämt sehe ich die Großpackung Saitenwürstchen vor mir, die ich im Supermarkt eingekauft habe. Ich wollte sie über die nächsten Wochen verteilt, für Otto als Belohnungshappen klein schnippeln. Letztendlich ist nur ein kläglicher Rest in seinem Magen gelandet. Tom und ich hatten so einen Hunger in der letzten Woche. Wie soll man auch kochen, wenn man ununterbrochen einem überall herumschnuppernden Hund hinterherläuft und ihn ungefähr alle 10 Minuten nach draußen trägt, aus Sorge vor der nächsten Pfütze im Wohnzimmer? Irgendwie bin ich davon ausgegangen, dass vielleicht einmal ein „Geschäft“ daneben geht. Einmal in der kompletten Stubenreinheitstrainingszeit. Nicht einmal stündlich.

„Mama! Er löst sich schon wieder!“ hörte ich Tom in den letzten Tagen ständig rufen.

Etwas betreten fahre ich nach diesem Gruppentreffen mit Otto im Gepäck wieder zurück nach Hause. Fremdartig erscheint mir das Hundehaltermilieu. Ich muss mich erst noch darin zurechtfinden. Musste ich mich nicht erst vor kurzem an die Behindertenwelt gewöhnen? Nun bin ich schon wieder auf einem anderen Planeten gelandet. Wie viele Paralleluniversen gibt es eigentlich auf diesem Erdenball? denke ich.

 

Am Abend….

Als ich am Abend versuche, mit Otto noch eine kleine Runde im Wald zu laufen, kommt mir ein älteres, mir bekanntes und ein eher, wie soll ich schreiben, „vornehmes“ Ehepaar entgegen. Otto zerrt an der Leine, will an den Spaziergängern hochspringen und hört natürlich nicht auf mein Kommando. Und ich finde, dass die Beiden mich besserwisserisch und hochmütig betrachten, und dabei würde ich gerne als eine souveräne, stolze Hundebesitzern erscheinen.

„Ohh, der ist aber süüß!“ flötet die Dame mit den toupierten Haaren sofort. „Na, da sind sie ja ab jetzt vor Einbrechern sicher!“ äußert der Herr mit dem aufgestellten Jackenkragen. Sein Gesichtsausdruck verrät mir, dass er seine Aussage ernst meint. „Ist der reinrassig?“ fragt er mich, nachdem sich seine Gemahlin in die Hocke begeben hat, um Otto hinter dem Ohr zu kraulen.

„Ja, ja, der ist reinrassig!“ antworte ich eifrig. Merke aber, wie schwer mir allein die Aussprache dieses Wortes fällt und wie Ekelgefühle in mir hochkommen. Hat das etwa eine Bedeutung? Ja, das hat wohl eine. Der zufriedene Blick des Herrn lässt keinen Zweifel zu.

„Bilden Sie den als Therapiehund aus?“ fragt mich die Dame in einer Stimmlage, die ihren vollen Respekt ausdrückt. „Ja, genau, das haben wir vor!“

Was rede ich denn da?

Otto ist und bleibt doch ein stinknormaler Familienhund, ermahne ich mich in Gedanken. Seltsamerweise musste ich die Frage in den letzten Tagen mehrmals beantworten. Irgendwie scheint unser Umfeld davon auszugehen, dass wir nur noch Anschaffungen tätigen, die einen besonderen therapeutischen Nutzen erbringen. Kleinotto scheint als Tier mit speziellen medizinischen Fähigkeiten einige Pluspunkte zu erhalten, entschuldige ich im Stillen mein spontanes Schummeln. „Ah, hat der ein tolles Fell!“ schwärmt die Frau mit spitzen Lippen. „Ist das nicht dieselbe Rasse, die sie im norwegischen Königshaus haben?“

Ganz entfernt erinnere ich mich, dass in Norwegen eine Dynastie existiert. Ich kenne nicht einmal die Personen darin, wie soll ich da über die dazugehörigen Hundearten Bescheid wissen?

„Ja, ganz genau! Das ist ganz genau dieselbe Rasse“, höre ich mich angeberisch posaunen. Was solls, denke ich. Nun streicht auch der Mann zaghaft, ja fast ehrfürchtig über den Hundekörper. Es wirkt, als ob er stolz wäre, das Mitglied eines Königshauses berühren zu dürfen.

Dann verabschiede ich mich, und laufe nach Hause. Dort rennt Otto sofort zu den anderen ins Wohnzimmer.

„Ich ziehe mich nur schnell um“, rufe ich nach drinnen und eile hoch ins Bad.

MAAAAAMMMAAAAA!

…ruft es keine drei Minuten später. Ich weiß sofort, was passiert ist und renne wieder nach unten, schnappe im Lauf die Küchenpapierrolle und sause genervt zu unserem adligen Hausgenossen.

Am späten Abend bringe ich Tom zu Bett. Erschöpft lege ich mich neben ihn. Da macht mein Sohn etwas, was er noch nie getan hat. Ich kenne ihn so gut. Und wenn er sonst merkt, dass ich genervt und unter Druck bin, lässt er keine Gelegenheit aus, mich zusätzlich zu stressen. Ist er nicht der Meister darin, mich an meine Grenzen zu bringen? Aber heute ist etwa anders. Er kuschelt sich an mich und nimmt mich in den Arm.

„Mama, du tust mir ein bisschen leid!“ sagt er sanftmütig und streicht mir über die Haare.

4 Gedanken zu „Sind wir verrückt geworden?

  1. Hallo liebe Frau Noack, jetzt bin ich über Ihren etwas älteren Blog gestolpert, und muss auch schmunzeln. Wie Sie ja schon wissen, haben wir ebenfalls einen Hund. Letztes Jahr im August haben wir ihn mit 9 Wochen bekommen. Ich habe mich oft gefragt was ich mir da angetan habe, mit einem Schwerbehinderten Kind und noch weitern Jungs….für meine Kinder war es das größte Glück! Ist es immernoch, und ich muss zugeben, ich könnte es mir ohne Hund auch nicht mehr vorstellen…ich bin auch so oft angesprochen worden, ob das jetzt unser Therapiehund ist, und tatsächlich hab ich manchmal einfach ja gesagt. Was natürlich Quatsch ist. So oft sagen wir Dinge die die Leute von uns hören wollen. Ich lese gerade Ihr Buch, bin fasziniert davon das jemand, gar nicht weit weg, so ziemlich genau das gleiche erlebt hat, erleben musste und immernoch erlebt wie wir. Es gibt mir Hoffnung das unsere kleine andere Welt, die manchmal sooo weit entfernt scheint, doch gar nicht so klein und traurig ist…. viele liebe Grüße aus Stuttgart, Katja

    1. Liebe Katja Bismar,

      es ist wahrhaftig schön zu wissen, dass man nicht alleine ist! Das macht das Leben wirklich leichter! Ich merke, dass wir Menschen uns (in all unserer Unterschiedlichkeit) doch auch wieder sehr ähnlich sind – wir mit ähnlichen Gedanken und Gefühlen kämpfen. Und ja, manchmal ist es in der Tat einfacher, das zu sagen, was erwartet wird (oder was man denkt, was erwartet wird).

      Ganz liebe Grüße nach Stuttgart!!
      Gabriele Noack

  2. Liebe Gabi,

    hier bin ich, und habe mich gerade durch Deine Posts gelesen. Ich bin wirklich beeindruckt. Ein Buch zu schreiben und dann noch so ein Persönliches, ist keine leichte Aufgabe. Ich glaube, dass gerade weil es eben mitten aus dem Leben gegriffen ist, Du vielen Betroffenen Mut und Kraft geben wirst. Ich gratuliere Dir ganz herzlich dazu und finde Du kannst darauf sehr sehr stolz sein. Ich jedenfalls, ziehe meinen Hut ganz tief!

    Die lustige Geschichte vom Otto hat mir sehr gefallen. Du hast das so schön geschrieben, dass ich die ganze Zeit über schmunzeln musste. Ja, ich habe mir das richtig bildlich vorgestellt und muss sagen:“ So ein Hundeleben ist auch nicht einfach“!

    Ich freu mich, dass Du bloggst und werde hier immer reinschauen wenn es was Neues gibt.

    Herzliche Grüße
    Kerstin

    1. Liebe Kerstin,

      schön, dass Du hierher gefunden hast! Herzlich Willkommen in meinem neuen digitalen „Zuhause“.
      Und Danke für Deine netten Worte!
      Und wie recht Du hast: Was ist denn überhaupt „einfach“? Die Hundeerziehung ist es definitiv auch nicht….
      Liebe Grüße an Dich und bis bald!
      Gabi

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