Von blauen Rucksäcken und gelben „Big Macks“

Big Mack

 

Jetzt wird es aber Zeit. Im Grunde ist es schon längst überfällig. So Vieles habe ich schon geschrieben aber noch Nichts über die Menschen, die mir täglich eine riesige Freude bereiten.

Dabei sehe ich sie kaum.

Als ich gestern Julius` kleinen blauen Kindergartenrucksack öffnete, da habe ich einen kurzen Stich in der Bauchgegend gespürt. Und da dachte ich: Ich muss darüber schreiben! Meine Texte entstehen irgendwie immer so. Seit Julius Geburt muss ich Worte finden, für das, was mich berührt. Meistens sofort.

Neulich habe ich ein Interview mit Armin Müller-Stahl gelesen. In diesem Interview hat er berichtet, dass er malt, so mit Pinsel und Leinwand. Und er meinte, dass das Malen aus dem Bauch käme, dass sei anders als das Schreiben. Das sei ja eine Kopfsache (so ähnlich hat er sich ausgedrückt, ganz genau weiß ich es nicht mehr. Zum Glück bin ich unbedeutend und muss bei fehlerhaften Zitaten nicht von irgendeinem Amt zurücktreten). Aber bei diesem Satz habe ich innerlich sofort heftig protestiert. Ich schreibe mit dem Bauch. Ob ein Satz passt oder nicht, kann man nur „fühlen“, finde ich. Wörter, in einer bestimmten Reihenfolge aneinandergereiht, können so Vieles auslösen. Sie können einem zum Weinen oder zum Lachen bringen, trösten, manipulieren, heilen, weh tun, ja sie können sogar richtig schmerzhaft sein. Von daher. Das Schreiben ist eine ziemliche Bauchangelegenheit, meines Erachtens.

Und: Man kann mit Worten auch seine Dankbarkeit ausdrücken. Das sollen diese Zeilen heute tun.

Somit zurück zu Julius` Rucksack.

Unter der Woche, wenn der DRK-Kinderbus nachmittags in unsere Straße einbiegt, beginnt ein ganz bestimmter Ablauf.

Die Fahrerin klingelt an der Tür, ich laufe daraufhin zum weißen Transporter, warte, bis die liebe Dame (es ist immer die gleiche) sorgsam unseren Sohn losgeschnallt hat. Währenddessen berichtet sie mir Details von der Heimreise. Dann trage ich ihn ins Haus, setze ihn in seinen Therapiestuhl am Esstisch und öffne sofort seinen Rucksack. In diesem Rucksack befinden sich ein DIN A5-Heftchen und sein gelber „Big Mack“.

Nein, das hat jetzt nichts mit McDonalds zu tun.

Ein Big Mack ist ein Kommunikationshilfsmittel. Im Grunde ist es nur eine Taste, mit der man Sprachnachrichten aufnehmen und abhören kann. Morgens besprechen wir das Gerät, wir schildern, was Julius am Vortag noch alles so gemacht hat. Im Kindi nehmen Sie auf, was die Kleinen dort gesungen und erlebt haben. Eine Betreuerin berichtet uns täglich, wie es Julius in der Einrichtung ergangen ist. Dabei sprechen wir alle immer in der Ich-Form, also für Julius. Wir und der Big Mack sind quasi, wenn man es so will, seine Stimme.

An guten Tagen konnte Julius ab und an alleine auf die Taste drücken.

Seit einigen Wochen machen wir das wieder für ihn.

Dieses Aufnahmegerät ist eine einfache Möglichkeit, Julius einzubinden, ihn teilhaben und etwas bewirken zu lassen. Wir reden nicht über ihn. Sondern er spricht mit uns. Das hört sich jetzt vielleicht etwas seltsam an. Oder womöglich fragt sich der eine oder andere, was es denn für einen Unterschied macht, ob man nun in der Ich-Form oder in der dritten Person quasselt? Es macht einen. Das ist wohl wieder so eine Bauchangelegenheit.

Im DIN A5-Heftchen kleben meistens ausgedruckte Fotos, auf denen man Julius mit einem Pinsel in der Hand, beim Teig kneten, Blätter fühlen oder Rasierschaum vermanschen sieht. Im Grunde könnte ich etliche Aktivitäten aufzählen, die unser Sohn bisher in seinen zwei Jahren im Kindergarten erleben durfte. Er hat sogar einen richtigen Wochenplan!

Montags hat er „Massagegruppe“ und ich höre später am Nachmittag auf dem Big Mack jedes Mal sanfte Entspannungsmusik, währenddessen mir die Pädagogin mitteilt, wie oder ob ihm die Wellnessbehandlung überhaupt gefallen hat.

Dienstags ist er im Matschraum und da betrachte ich dann im Heft manchmal Fotos, auf denen seine Füße in einer Wanne stecken. In einer „Sprudelwanne“. Auf seinem Schoß liegt eine Taste, ähnlich wie die des Big Macks, und mit diesem Gerät könnte er (an guten Tagen) die „Blubberei“ anschalten.

Freitags steht „Kochen und Backen“ auf dem Programm. Da betrachte ich auf den Bildern meist nur seine Hände, wie sie einen Teigklumpen berühren. Und im Rucksack steckt mittags für Tom und für uns Eltern noch ein „Probiererle“. Muffins, Hefeteile, oder Hundeknochen aus Mürbteig. Die Hundeknochen gab es in der Woche, als sie das Thema „Hunde“ behandelt haben.

Manchmal finde ich in Julius` Rucksack noch ganz besondere Sachen. Besondere selbstgemachte Sachen. Einen gefilzten Kettenanhänger zum Muttertag, einen kleinen Holztannenbaum zu Weihnachten oder bemalte Eier an Ostern.

Und gestern zog ich eine kleine Dose heraus. Eine Dose mit selbstgemachter Ringelblumensalbe. Dazu gab es eine ganze Fotoreportage. Julius mit Ringelblumen unter der Nase, Julius mit Ringelblumen in den Händen, Julius vor einer Schüssel mit Ringelblumen.

Mittlerweile haben wir schon mehrere DIN A5-Hefte, voll beklebt und voll beschrieben. Sie liegen aufgeschlagen neben mir, währenddessen ich hier mit feuchten Augen sitze und diesen Beitrag schreibe (Lieber Herr Müller-Stahl, o doch, das Schreiben kommt aus dem Bauch).

 

Hin und wieder gibt es Momente, in denen ich Vieles, vielleicht sogar auch Alles in Frage stelle. In denen ich nach dem Sinn suche und nach dem Warum. In denen ich keine Antwort finde, auf die schmerzende Ungewissheit, wieviel Julius mitbekommt. Und wie lange das alles noch gut geht.

Das ist aber vielleicht genau der Unterschied zwischen all den Mitarbeitern aus Julius` Kindergarten und mir. Ich glaube, sie stellen nichts in Frage. Sie binden ihn ein, lassen ihn erleben, ihn fühlen, riechen, schmecken, sehen. Sie suchen nach Möglichkeiten, wie er sich einbringen oder ausdrücken kann. Und seien sie auch noch so gering. Jeden Tag.

Vor ein paar Jahren, Julius war noch ganz klein, habe ich einen Artikel über eine Frau gelesen, die ihre behinderte Tochter getötet hatte. Sie hatte sie 39 Jahre lang gepflegt. Es war eine sogenannte Verzweiflungstat, schrieb der Autor. Die mittlerweile 67- jährige Mutter konnte nicht mehr – körperlich und psychisch.  Sie war am Ende ihrer Kräfte, weil sie keine geeignete Unterstützung und auch keine gute Pflegeeinrichtung für ihre betreuungsaufwändige Tochter fand.

Immer mal wieder muss ich seither an diesen Bericht denken. Wie furchtbar muss sich die Frau gefühlt haben, dass Sie letztendlich nur mit so einer Tat aus ihrem Dilemma herausfinden konnte. Damals machte der Text mir aber auch große Angst. Sehr große.

Wird Julius jemals einen guten, liebevollen „Platz“ finden?, fragte ich mich.

Das hat er. Und was für einen.

Was in ein paar Jahren sein wird, wissen wir nicht. Soweit blicken wir nicht nach vorne. Außerdem gab es bisher immer einen Weg. Einen guten.

 

So, jetzt muss ich für heute Schluss machen. Gerade hat es an der Haustür geläutet. Es ist Nachmittag.

Julius kommt heim.

13 Gedanken zu „Von blauen Rucksäcken und gelben „Big Macks“

  1. Liebe Frau Noack,
    Ich habe vier Kinder, mein älterster Sohn ist körperlich und geistig schwer mehrfach behindert. Es tut so unheimlich gut, Ihre Geschichten zu lesen und zu wissen, wir sind nicht allein. Ich muss oft Lächeln und kann gut mitfühlen bei dem was Sie erzählen! Auch wir haben einen jungen Hund…… Ich wünsche Ihnen alles Gute!!! Liebe Grüße Katja Bismar

    1. Liebe Katja Bismar,

      Dankeschön! Ach, wie schön, dass Sie auch einen jungen Hund haben! Dann kennen Sie sicherlich die ein oder andere Situation. …
      Liebe Grüße an Sie und ihre Familie!
      Gabriele Noack

  2. Hallo Frau Noack,

    gestern Nacht habe ich ihr Buch gelesen. Auf das Buch bin ich durch eine Bekannte gekommen, die ich in Ihrem Buch sofort wieder erkannt habe…
    Ich habe diese liebe Bekannte neulich mit Ihrer Tochter beim Reiten gesehen. Ich habe sie nur kurz nach der Geburt gesehen, damals war mir nicht klar,dass sich das Frühchen nicht so entwickeln würde wie meine Tochter damals.( ich habe mich in den Empfindungen nach der Geburt mit Brutkasten und co. sehr wiedergefunden..auch wenn wir nach zwei Wochen mit Kind gehen durften)
    Als ich vom Reiten heim fuhr,war mein einziger Gedanke wie froh ich bin, dass dieses kleine süße Mädchen eine so tolle Mama hat!
    Danke für Ihr Buch und die Möglichkeit die Dinge aus Ihrer Sicht zu sehen.
    Alles erdenklich Gute für Sie und Ihre Familie.

  3. Liebe Frau Noack

    Ich habe gerade Ihr Buch zu Ende gelesen, ich fand es toll geschrieben und vorallem sehr authentisch. Ich habe selber zwei behinderte Kinder , zwar schon erwachsen aber immer noch ist kein Tag wie der andere.

    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie weiterhin viel Kraft und lassen Sie sich nie unterkriegen.

    Viele Grüße aus der Prignitz

    Christine Schlaffke

  4. Liebe Gabi,
    ich habe gerade deine Seite entdeckt und ja, was uns unsere Kinder vom Kindergarten erzählen ist toll. Wir sind immer alle ganz gespannt… . Ich wünsche unseren Kinder, dass sie immer einen so liebevollen Platz haben und besonders lieben Menschen auf ihrem Lebensweg begegnen.
    Liebe Grüße
    Viola

  5. Hallo Frau Noack! Ich bewundere sie wie gut sie ihr Schicksal meisstern! Ich lese zur Zeit ihr Buch! Ich wünsche ihnen alles gute für die Zukunft! Lg Jacky

      1. Liebe Gabriele!

        So habe ihr Buch fertig gelesen! Es hatt mich sehr bewegt! Danke für diesen kurzen einblick in ihr Leben!
        Lg Jacky

  6. Liebe Gabi,
    schön geschrieben und ich kann es nur bestätigen. Ich freu mich auch immer riesig zu lesen und zu hören, was im Kindi alles erlebt wurde. Schade, das zwei der guten Seelen nun den Kindi verlassen werden. Die Dame vom Bus ist die gleiche und sie schreibt mir täglich per Whatsapp, wie die Fahrt war. Auch wenn nur ein passender Emoji geschickt wird.
    Ich bin auch dankbar für diese tollen Menschen. Man kann sich gar nicht gut genug dafür bedanken, was sie tagtäglich für unsere Kinder tun.
    Liebe Grüße Simone

  7. Liebe Frau Noack,
    Ein toller Beitrag – ich habe auch feuchte Augen und einen Kloß im Hals.
    Besonders der Part in dem Sie vom Platz unserer Kinder in der Welt schreiben. DANKE!
    Viele Grüße
    Andrea

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