Getrenntheit

Ich habe mich schon oft gefragt, was eigentlich am Schmerz so schmerzlich ist? Was ist es, was da so verdammt weh tut?

Dabei meine ich natürlich nicht den körperlichen Schmerz. Ich weiß ja: Wenn ich mich in den Finger schneide, leiten feine Nervenendigungen blitzschnell  Botschaften an mein Gehirn.

Autsch! an der linken Hand, melden die zum Beispiel meinem Kopf. Was all die physischen Dinge angeht, kennen wir uns in der Regel prima aus.

Aber was passiert mit mir, wenn ich äußerlich keinerlei sichtbaren Verletzungen trage und trotzdem das Gefühl habe, als würde mir jemand ein Messer ins Herz stechen? Was ist da los? Was lässt mich leiden?

Ich habe in den letzten Tagen noch einmal „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm gelesen. Wir haben eine ziemlich alte Ausgabe von 1977 in unserem Bücherregal stehen. Die Seiten sind schon ganz vergilbt und auf dem Cover ist sogar noch der Preis abgedruckt: DM 3,80! Auch wenn ich sicherlich einige Aussagen von Fromm kritisch sehe, habe ich darin ein berührendes Erklärungsmodell für diesen seltsamen, mit einer körperlichen Unversehrtheit einhergehenden Schmerzvorgang gefunden.

Und wenn mich etwas berührt, muss ich darüber schreiben. Vielleicht denkt  manch eine(r): Was formuliert die denn schon wieder für Grübeleien? Aber so ist das jetzt nun einmal bei mir. Erst wenn ich etwas zu Papier gebracht habe, ist meine innere Ordnung wieder hergestellt. Schreiben ist für mich mittlerweile vielleicht ein bisschen so wie Spülmaschine ausräumen. Auch wenn ich die Gedanken davor schon klar im Kopf habe, sie quasi gereinigt sind, ist es in mir erst wieder ordentlich, wenn ich die Worte, die Sätze dazu – wie das saubere Geschirr – an den richtigen Platz gestellt habe.

Aber was steht denn nun bei Erich Fromm? Dazu muss ich etwas ausholen.

Fromm formuliert zum einen, dass der Mensch mit dem Vorgang seiner Geburt in eine Situation „gestoßen“ wird, die völlig offen ist. „Gewissheit gibt es nur über die Vergangenheit – und über die Zukunft nur insofern, als sie mit dem Tod endet.“

Zum anderen ist der Mensch auch noch mit Vernunft ausgestattet und „sich seiner selbst bewusst“, schreibt er. Dieses Bewusstsein beinhaltet das Wissen über seine eigene kurze Lebensspanne, „seiner Einsamkeit und seiner Getrenntheit, seiner Hilflosigkeit gegenüber den Kräften der Natur und der Gesellschaft.“

Und dieses bewusste Erleben der Getrenntheit (von der Natur, von anderen Wesen, denn jeder Mensch ist schließlich einzig -artig) macht Angst. Unerträgliche Angst. Für Fromm ist dieses Erleben sogar „die Quelle jeder Angst.“

Es ist von daher logisch und überlebensnotwendig, dass der Mensch versucht, Getrenntheit zu überwinden „und den Kerker seiner Einsamkeit zu verlassen.“ Der Mensch ist bestrebt, sich irgendwie mit seiner Umwelt und mit anderen zu vereinen.

In die „Kunst des Liebens“ geht es im Folgenden darum, welche „Vereinigungsmöglichkeiten“ zur Verfügung stehen: Man kann sich zum Beispiel einer Gesellschaft anpassen, indem man deren Regeln und Normen übernimmt, oder bei der Arbeit Teil eines beruflichen Teams werden, oder durch eine künstlerisch-schöpferische Tätigkeit „eins“ mit der Natur, mit der Welt, oder mit dem erschaffenen Gegenstand werden.

Für Fromm liegt allerdings die einzig wahre Möglichkeit, „in der zwischenmenschlichen Vereinigung, in der Vereinigung mit einem anderen Menschen, in der Liebe.“

Das alles war es aber gar nicht, was mich bewegt hat. Ich habe in diesen Beschreibungen etwas ganz anderes erkannt. Mich hat diese ursprüngliche Angst vor dem Getrenntsein an den Vorgang des Schmerzes erinnert.

Ist es nicht genau so, dass bei einem schweren Schicksalsschlag – das kann eine niederschmetternde Diagnose, der Tod eines nahestehenden Menschen, eine Trennung,  eine Scheidung sein – die Tür zu der Tatsache der Getrenntheit aufgestoßen wird? Dass sich diese sonst verschlossene Tür beim Zerplatzen von Lebensentwürfen mit einem heftigen Stoß öffnet und somit Blicke in die eigene Einsamkeit preisgibt?

In dem Moment des Schmerzes gelingt es uns nicht mehr die Getrenntheit zu überwinden. Wir spüren – bewusst oder unbewusst – unsere eigene, tiefe Einsamkeit. So dachte ich.

Das macht Angst, es schmerzt, manchmal so sehr, dass man glaubt, es nicht aushalten zu können.

Heute würde ich sagen: Man kann. Auch wenn dieser Blick in die Einsamkeit, das Erleben der Getrenntheit – um bei den Worten Fromms zu bleiben- zunächst unerträglich scheint.

Die Tür bleibt zum Glück ja nicht beharrlich offen stehen. Manchmal schließt sie sich recht zügig wieder, ab und an dauert es ein wenig länger und man muss Geduld haben, bis die Sicht wieder versperrt ist. Vielleicht ist es so, dass sie nach einem traurigen Ereignis bei manchen Menschen gar nicht mehr fest ins Schloss fällt. Sie bleibt womöglich angelehnt und kann immer wieder aufspringen.

Ja und, denke ich mittlerweile, was soll`s?

Denn diese Erfahrung erlebe ich als noch beruhigender: Dass einem irgendwann dieser Anblick überhaupt nicht mehr bedrohlich erscheint. Dass man dieses Panorama, das man hin und wieder zu Gesicht bekommt, als etwas zum Leben Dazugehöriges betrachtet.

Es ist schließlich nichts anderes als die Realität.

 

Ein Gedanke zu „Getrenntheit

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