Urlaub – oder was?

Vor kurzem waren wir alle zusammen mal wieder im Stuttgarter Kinderhospiz.

Für diejenigen, die beim Namen Hospiz Schnappatmung kriegen: Wir können da hin, auch wenn der Sensenmann nicht an die Tür klopft. Es reicht, dass Freund Hein Julius auf seiner Liste hat. Wir dürfen uns hin und wieder im Hospiz erholen, dort quasi Urlaub machen.

Allerdings ist mir schon mal zugetragen worden, dass das Wort Urlaub in diesem Zusammenhang nicht gern gehört wird. Warum, weiß ich nicht so genau. Ich vermute, das hat was mit den Begriffsassoziationen zu tun. Bei Urlaub denkt man ausschließlich an Palmen, Strand, Sonne, blauer Himmel, Sorgenfreiheit, Leichtigkeit, leckeres Essen. Auf keinen Fall, darf da ein negatives Bild auftauchen.

Es soll Menschen geben, bei denen der Urlaub voll im Arsch war, weil das Essen nicht geschmeckt hat, das Meer zu rau, der Sand zu grob, das Bier zu teuer war. Im Freizeitbereich sind wir sehr anspruchsvoll und nicht arg kompromissbereit. Der größte Schicksalsschlag, der uns widerfahren kann, ist im Urlaub einen Magen-Darm-Infekt zu kriegen. Oder sich den Knöchel zu verstauchen. Noch schlimmer ist eigentlich nur, wenn sich das Kind einen Magen-Darm-Infekt einfängt oder sich den Knöchel verstaucht.

Na ja, wenn man es so betrachtet, kann man den Aufenthalt im Hospiz vielleicht doch nicht unbedingt als Urlaub betrachten. Die meisten Eltern dort wären wahrscheinlich froh, ihre Kinder könnten so herumspringen, dass sie sich ihren Knöchel verstauchen.  

Auf der anderen Seite verbindet man mit Hospiz Trauer, Tränen, Stille, Krankheit und vor allem eines: Tod. Und der ist ja nun der absolute Antagonist des Lebens und somit auch des Urlaubs.

Allerdings haben wir uns in der Woche in Stuttgart sehr lebendig gefühlt: Als wir abends auf unserer Terrasse saßen, ein Glas Rotwein in der Hand und auf das Lichtermeer der Stadt geblickt haben. Und wir haben eines: viel gelacht. Im Bewegungsbad zum Beispiel, wenn die kranken Kinder den gesunden einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet haben (ja, mit Hilfe natürlich nur, aber was soll`s?).  

Also doch Urlaub?

Vielleicht wird es auch als pietätlos empfunden, einen Hospizaufenthalt als Urlaub zu bezeichnen. Der Tod ist verdammt ernst. Und Urlaub sollte verdammt lustig sein.

Es ist ja auch sinnvoll, bestimmte Bereiche strikt zu trennen. Oder nicht? Lernen und Spaß, Arbeit und Freude, gesund und krank, Tod und Leben.

Ein Entweder-oder liegt uns meist näher als ein Sowohl-als-auch.

Auf jeden Fall habe ich sieben Nächte hintereinander durchgeschlafen. Weil ich mir bedenkenlos die Ohropax in die Ohren gestopft, die lichtundurchlässige Augenmaske angelegt und die Tür zu unserem Familienappartement fest verschlossen habe. Und das konnte ich, weil ich wusste, Julius ist in seinem eigenen Zimmer, ganz in meiner Nähe, und dort wird er liebevoll umsorgt.

Wenn da mal kein Urlaubsgefühl aufkommt…

Schwierig wird es allerdings im Nachhinein, das gebe ich zu. Dann, wenn das eigentlich wichtige und bedeutsame des Urlaubs beginnt: das ausgiebige Erzählen. Schließlich wählen wir nicht selten unser Reiseziel danach aus.

So schweige ich dieses Mal lieber und überlasse es den anderen, von atemberaubenden Kreuzfahrten, fernen Ländern und fremden Städten zu berichten.

Ach, denke ich im Stillen. Was die Exotik angeht, da ist unser Erholungsort ohnehin nie und nimmer zu toppen.

Danke für alles, liebes Hospiz!

8 Gedanken zu „Urlaub – oder was?

  1. Liebe Gabriele,
    was für ein toller Bericht über Eure Auszeit im Hospiz.

    Auch wir waren letzten Sommer das erste Mal in Stuttgart und schwärmen noch heute davon. Der Aufenthalt im Hospiz war einfach toll, wir denken so oft an die Tage dort zurück.

    Unser nächster Aufenthalt ist für August geplant. Dieses Mal werden wir es so machen, dass ich gemeinsam mit den Kindern ein paar Tage im Hospiz bleibe und Manuel anschließend noch 2 Wochen alleine dort Ferien macht.
    Obwohl ich weiß dass das ganze großartige Team sich toll um unseren kleinen Mann kümmern wird sind meine Gefühle noch sehr gemischt wenn ich daran denke. Wahrscheinlich wird Manuel die Zeit absolut genießen und vor lauter Programm gar keine Zeit haben uns zu vermissen, während ich mit schlechtem Gewissen im Urlaub sitze. Aber auch das ist wieder eine neue Erfahrung und ein Schritt in Richtung „groß werden“, mit dem ich mich auseinandersetzen muss.

    Es ist wirklich fantastisch dass es Einrichtungen wie das Hospiz gibt, die, egal in welcher Hinsicht, die ganze Familie so unterstützt und die allen somit die Möglichkeit gibt aufzutanken, Kraft zu schöpfen und uns den unendlichen Luxus bietet Zeit zu haben. Zeit sowohl für das kranke Kind, als auch für die restliche Familie oder sich selbst.
    Ich muss jetzt schon lachen, wenn ich mir vorstelle mit wievielen Taschen, Kisten und Wäschekörben wir dort wieder anreisen werden, damit auch sicher alle Geräte, die meisten natürlich in doppelter Ausführung, dabei sind, aber die Aussicht auf die schöne Zeit dort ist das in jedem Fall wert.

    In diesem Sinne wünsche ich Euch weiterhin alles Gute. Vielleicht laufen wir uns ja mal über den Weg im Hospiz und können zusammen ein Eis im Café Pinguin essen.

    Viele Grüße aus dem Remsal von Nicki

    1. Liebe Nicki, vielen lieben Dank für Deine Nachricht. Ja, wenn dieses bescheuerte schlechte Gewissen nicht wäre…Julius war auch schon alleine im Hospiz und in der Kurzzeitpflege. Die ersten Tage sind für mich immer schwer, aber dann merke ich, wie wichtig diese Auszeiten sind und ich kann die Ferien genießen. Ich wünsche Euch jetzt schon einen wunderschönen Urlaub im August! Und ja, wenn wir uns treffen, dann gehen wir Eis essen oder trinken zusammen einen leckeren Kaffee auf der tollen Terrasse! Herzliche Grüße Gabriele

  2. Liebe Gabriele,

    wie schön, dass es solche Orte für Familien wie Euch gibt – und wie schön, dass Ihr diesen Ort auch schon nutzen könnt, bevor es „Ernst“ wird – und dabei Kraft tankt für die vielen dunklen Stunden. Ich komme gerade vom Elternabend in der Kita – wir haben die beste Kita der Welt, die alle Kinder – ja, egal wie stark beeinträchtigt‘! – hauptsache, die Eltern können los lassen! – für eine Woche in einen aktionreichen Kinderurlaub mitnimmt. So sehr ich unseren kleinen Sonnenschein liebe – auch ich freue mich über 7 durchgeschlafene Nächte und Tage, an denen ich auch mal nur für mich sein kann. Von daher sei es Dir nachgefühlt und ganz liebe Grüße! Danke für diesen Text; ich wusste es ehrlich nicht, dass Hospize auch Auszeiten anbieten. Alles Gute!!!

    1. Liebe ChaosLu, das hört sich wirklich nach einer super Kita an! Wie schön, dass es solche Einrichtungen gibt, die sogar Kinderurlaube anbieten. Wir haben auch Riesenglück mit unserem Kindergarten. Ich bin wirklich sehr berührt, wie feinfühlig und fürsorglich Julius betreut wird. Ja, die Zeit, die man für sich alleine hat, ist sehr kostbar…Herzlichen Dank für Deine Nachricht und viele Grüße! Gabriele

    1. Liebe Ursula, jetzt konnte ich Anne auch einmal sehen. Danke für den link und den wichtigen Beitrag im SWR! Ich wünsche Dir einen wunderschönen Geburtstag in Stuttgart – die Zeit im Hospiz wird bestimmt erholsam! Herzliche Grüße Gabriele

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