Von Gewinnern und Verlierern

 

Mond2

 

Noch einmal geht es um Fußball. Nein, nicht schon wieder, stöhnen vielleicht jetzt einige. Ein letztes Mal, danach ist Schluss, ich verspreche es.

Dabei missachte ich auch noch die oberste Regel des Schreibens: „Schreiben Sie niemals über etwas, wovon Sie keine Ahnung haben“, höre ich unseren Schreibwerkstättenleiter sagen. Ich tue es hiermit trotzdem. Ich muss ein paar Gedanken zu dieser Europameisterschaft loswerden. Auch wenn ich eine totale Fußballidiotin bin, erinnert mich einfach gerade zu viel an das Leben. An meines im Speziellen, aber auch an das Leben im Allgemeinen. Und da kann ich mitreden. Ich führe ja schließlich eines.

Nach dem Halbfinale ist Deutschland ausgeschieden.

Wie kann das sein?

Wie konnte das passieren?

Wer Antworten sucht, findet sie momentan überall. Die Zeitungen und das Internet sind voll davon. Falsche Spieler, zu wenig Kälte in den Köpfen, Dreierkette. In einem Artikel der Süddeutschen (dieser Hinweis soll nicht falsch verstanden werden, ich bin begeisterte Leserin der SZ) werden sogar hirnphysiologische Erklärungsmodelle herangezogen, die darlegen sollen, wie es dazu kommen konnte, dass ein Schweinsteiger oder ein Boateng die Hand mit dem Fuß verwechselt. Demnach waren also Nervenimpulse Schuld. Im entscheidenden Moment wurden die falschen aktiviert!

Wir können ausatmen. Es hat zum Glück nichts mit dem Zufall, oder dem Leben im allgemeinen zu tun, ob eine Mannschaft verliert und eine andere gewinnt. Nein, wenn wir es hinterher genau betrachten, ganz genau, dann lässt sich IMMER eine Erklärung finden. Das ist beruhigend. Sehr. Das heißt nämlich, wir können etwas ändern. Etwas tun. Die nächste Weltmeisterschaft steht vor der Tür.

Überhaupt erscheint es mir bei den großen Fußballevents so, dass es sowieso nur eine Frage der jeweiligen Taktik ist, wer am Ende auf dem Siegertreppchen steht. Unsummen werden ausgegeben für Analytiker, Berater, Kommentatoren. Und das erinnert mich an eine grundsätzliche  Lebenseinstellung. Ich habe oft den Eindruck, dass wir auch im stinknormalen Leben davon ausgehen, nur dann einen Pokal gewinnen zu können, wenn wir im Vorfeld alles genau planen und viel Energie, oft auch viel Geld für diese Planung ausgeben.

Wann sollte man das erste Kind bekommen? Noch vor dem Studium? Währenddessen oder doch eher, wenn man beruflich bereits fest im Sattel sitzt? Hat man das erste Kind in die Welt gesetzt, steht bald die nächste Frage im Raum? Ein Zweites? Und wenn ja, wann? Jetzt muss man noch mehr Kriterien beachten. Nun spielt auch noch die zeitliche Geschwisterfolge eine wichtige Rolle. Ist der Geburtenabstand zu gering, könnte dies negative Folgen für das Erstgeborene haben. Wartet man zu lange, läuft man Gefahr, dass die Mediziner einen aufgrund des Alters kurzerhand zur Risikoschwangerschaft erklären. Also doch! Es geht um Taktik, Taktik, Taktik.

Und das wohl nicht nur beim Kinderkriegen. Welcher Job, welche Versicherung, welcher Handyvertrag. Bin ich Vieltelefonierer, brauche ich eine Internetflatrate?  Muss ich das Handy beruflich und privat nutzen?  Alles Punkte, die beachtet werden müssen. Für den Handyvertrag. Ich muss mir quasi eine Handyvertragsabschlusstaktik überlegen.

Alles eine Frage der Taktik. Und der Gewinner ist der, der die richtige wählt?

Und dann kommt auf einmal dieser bescheuerte Zufall, oder das gemeine Schicksal, wie auch immer man es nennen möge, daher. Und haut einem einen Elfmeter ins Tor. Dabei ist es scheißegal, ob der Ball in der linken unteren oder in der rechten oberen Ecke landet. Wenn das Netz wackelt ist klar: Der ist drin.

Im Leben kann das ein behindertes Kind sein. Oder eine Scheidung. Vielleicht eine Krankheit. Egal. Wir stehen da und betrachten betreten den Ball. Wie er da liegt. Still und ruhig hinter der weißen Linie. Nach einer kurzen Schockstarre gehen sie los. Die Fragen. Wie konnte das nur passieren?

Falscher Mann, falscher Zeitpunkt, schlechte Ernährung, heimtückische Impulse der Nervenzellen. Oder doch: falsche Taktik.

Natürlich muss man im Leben planen. Manche Dinge kann man nicht dem Zufall überlassen. Das wäre gefährlich und dumm. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass wir oft zu kopfgesteuert sind. Und uns dabei einreden, dass das Leben vorhersehbar sei und wir es kontrollieren könnten. Aber das kriegen wir nicht hin. Auch nicht mit der besten Taktik.

Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist nicht ohne. Wir sind frustriert, verbittert, enttäuscht, wenn etwas anders läuft, als erwartet. Wir haben uns doch so angestrengt. Und das Traurigste: während wir die Taktiken für unser Leben ausarbeiten, zieht dieses manchmal unbeachtet  an uns vorbei. Dabei ist eigentlich nur eines sicher: am Ende kommt der Schlusspfiff.

Ich habe das Gefühl, dass die Gewinner der diesjährigen Europameisterschaft die Isländer sind. Dabei haben Sie nicht mal den Titel geholt. Auch sie sind vorzeitig ausgeschieden. Aber trotzdem.  Die Spieler und im Grunde die ganze Insel wirkten so glücklich.

Wahrscheinlich hatten sie von Anfang an die beste Taktik.

Sie wollten dabei sein. Ich vermute mal, sie haben nicht wirklich damit gerechnet, als Europameister nach Hause zu schippern.

Endlich ist der Sommer da. Und man kann zurzeit nachts einen gigantischen Sternenhimmel betrachten. Ich liege gerade fast jeden Abend im Liegestuhl auf unserer Terrasse und schaue nach oben. Das hilft mir. Dieser Blick nach oben. In das unendliche Lichtermeer.

Dieser Blick erdet mich. Weil ich es in diesem Moment direkt vor Augen habe: die Gewissheit, nur ein sehr sehr kleiner Teil etwas ziemlich Großen zu sein, und, dass meine Lebenstaktik im Grunde völlig unbedeutend ist.

 

7 Gedanken zu „Von Gewinnern und Verlierern

  1. Liebe Frau Noack,
    Wow! Ich lese diesen Text immer und immer wieder. Wunderschön.
    Auch ich bin Mutter einer besonderen Tochter, 10 Monate alt, noch voller Hoffnung, alles wird nicht so schlimm sein und völlig ahnungslos, wo unsere Reise hingeht. nun habe ich seit kurzem eine neue Kraftquelle gefunden, alles durchzustehen: Ihr Buch und ihre Texte. Ich danke Ihnen von Herzen.

  2. Besser kann man es wohl nicht schreiben.
    Dieser Text wird mir noch eine Weile nicht aus dem Kopf gehen….
    Freue mich schon auf die nächsten Texte.

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