Entscheidungen

Am Wochenende wurde für mich ganz überraschend eine Nachtcafé-Sendung aus 2017, bei der auch ich Gast sein durfte, erneut ausgestrahlt. Nur wenige Minuten davor habe ich von einer Freundin den Hinweis dazu erhalten.

Obwohl ich an diesem Abend den Beitrag gar nicht aktiv vor dem Fernseher verfolgen konnte, wurde ich doch in meiner Gedankenwelt ganz unerwartet ein paar Jährchen zurückversetzt. Ein bisschen fühlte ich mich  wie Marty McFly in „Zurück in die Zukunft“ als mich Rückmeldungen zu meinem Auftritt oder auch Fragen von Zuschauern und neuen Bekannten, die noch gar nicht viel über meine Geschichte wussten, erreichten. „In deinem Blog ist es so still geworden“, schrieb mir jemand.

Weniger still ist es in unserem Leben, darum will ich heute einen Beitrag einstellen, der schon lange fällig ist:

Entscheidungen

„Irgendwann müssen wir diesen Schritt wagen! Und zwar bevor es zu spät ist“, sagen wir uns. „Wir müssen auch an Tom denken!“, rechtfertigen wir unsere Überlegungen.

Und: „Wir müssen an uns denken“.

Was macht ein Leben, geprägt von Krampfanfällen, Pflegediensten, durchwachten Nächten auf Dauer mit uns? Wie lange können wir einen Alltag, der immer einem Notstand gleicht, gesund durchstehen? Werden wir unserer Verantwortung Tom gegenüber gerecht? Wieviel Krankheit, wieviel Leid kann eine Familie tagtäglich aushalten?

Letztendlich aber zählt nur eine Frage.

Bin ich noch glücklich mit dem Leben, das ich führe?

Zur Klärung genau dieser Ungewissheit mache ich hin und wieder ein einfaches Gedankenspiel:

Ich stelle mir vor, ich sei am Ende meiner Tage angelangt und blicke zurück.

Dann überlege ich: Bin ich zufrieden mit meiner Geschichte, kann ich sagen, ja, ich würde alles ganz genau wieder so machen, oder gibt es Dinge in der Vergangenheit, die ich bereue? Dinge, die ich getan habe oder vielleicht NICHT getan habe? Denn sind nicht meist verpasste Chancen schwerer zu ertragen als verpatzte?

Falls mir also etwas einfällt, womit ich hadere, muss ich mich fragen: Kann oder möchte ich jetzt noch etwas tun, etwas verändern? Damit ich, wenn der Vorhang letztendlich für immer fällt, sagen kann: Dieses Bühnenstück, also, mein Leben, war schwer in Ordnung, wie schade, dass es vorüber ist! Würden die Regisseure des Schauspiels mich fragen, ob ich noch einmal mitmache, wäre ich glatt wieder dabei.

Bei meiner letzten Retrospektive dachte ich wehmütig unter anderem an meine Ausbildung zur Psychoanalytikerin. Mir kamen meine KommilitonInnen in den Sinn, die damals mit mir die ersten Semester verbrachten und mittlerweile als Psychotherapeuten arbeiten.

Als ich damals beschlossen hatte, mein Studium abzubrechen, weil es mit unserer Pflegesituation einfach nicht mehr zu vereinbaren war, tröstete ich mich damit, mich auch ohne Therapeutenpraxis mit der menschlichen Seele beschäftigen zu können.

Aber das stimmt nicht.

Man braucht die Begegnungen mit den Patientinnen und Patienten, sie sind die wahren LehrerInnen, ohne sie ist jede Therapiemethode nur ein theoretisches Konstrukt. Ohne die Menschen und ihre Geschichten wäre eine Therapeutin wie ein Seemann, der im Hafen vor Anker sorgsam Karten studiert, Wetterberichte verfolgt, sein Schiffsdeck regelmäßig schrubbt, sich aber niemals aufs offene Meer begibt.

Also haben wir eine Entscheidung getroffen:

Julius lebt seit einiger Zeit in einer Wohngruppe für schwer kranke Kinder. Er ist dort unter der Woche, die Wochenenden verbringt er meist bei uns zuhause. Während ich diese Zeilen schreibe, ist natürlich alles anders, denn Corona hat auch unseren Alltag völlig durcheinander gewirbelt. Aber das soll an anderer Stelle erzählt werden. Wir haben das große Glück, dass sich ganz in unserer Nähe eine entsprechende Einrichtung befindet

Zeitgleich mit Julius´ Unterbringung habe ich mein Studium wiederaufgenommen.

Tagsüber verbringe ich den Großteil der Woche in der psychiatrischen Klinik. Ich gehe regelmäßig in meine Lehranalyse und am Abend besuche ich Seminare an unserem Psychoanalytischen Institut oder online von zuhause aus.

Das mache ich alles während andere Menschen Julius nach dem Aufwachen „Guten Morgen“ zurufen, ihm die Füße warmhalten, seine Windeln wechseln und für eine ausreichende Kalorienzufuhr sorgen.

Manchmal ist der Kummer darüber, Julius nicht bei uns zu haben, kaum auszuhalten. Und mein schlechtes Gewissen liegt mir unermüdlich in den Ohren: „Wie kannst du nur?“, „Das macht man nicht!“, „ Schlechte Mutter!“. Und mein schlechtes Gewissen ist ziemlich ausdauernd. Wenn ein schlechtes Gewissen Voraussetzung für einen Marathon wäre, würde ich mit meinem problemlos einen Ultralauf bewältigen.

So habe ich Angst, die Menschen, die Julius jetzt versorgen, vergessen womöglich, dass er nur auf dem Bauch einschlafen kann, denken beim Schuhe anziehen nicht an seinen großen Zeh, der nach oben steht und deshalb ganz leicht eingeklemmt werden kann, oder erkennen nicht, wenn er zu viel quälende Luft im Magen hat und man ihn aufsetzen muss.

Aber ich erfahre, dass die Betreuer und Betreuerinnen dort Dinge mit und für ihn machen, für die ich schon lange keine Nerven mehr hatte. Sie färben ihm sein Badewasser bunt, pürieren Dönerfleisch mit Knoblauchsauce, kneten Salzteig mit ihm (wenn sie ausreichend Zeit haben, aber das ist ein anderes Thema, das an anderer Stelle erzählt werden soll).

Und ich? Ich merke, ich liebe auch meine Arbeit! Es ist, wie ich es schon vor vielen Jahren geschrieben habe: Ich kann mir beruflich nichts Spannenderes und Sinnhafteres als die analytische Psychotherapie vorstellen. Vielleicht empfinde ich dies nach meinen Erfahrungen mit Julius und meiner langjährigen Analyse jetzt sogar noch intensiver als zuvor.

Es fällt mir nicht leicht, diese Zeilen zu schreiben. Vielleicht habe ich das Bloggen darüber deshalb auch hinausgeschoben. Ich habe die Vorstellung, dass etwas anderes von mir erwartet wird: Für mein krankes Kind da zu sein, uneingeschränkt. Wahrscheinlich sind diese Gedanken, die ich den anderen, der Gesellschaft oder wem auch immer, unterstelle, vor allem meine eigenen moralischen Zweifel. Denn es ist  fraglos unnatürlich, sein krankes Kind in fremde Hände zu geben. Und dennoch will ich hier ehrlich über uns und unsere Geschichte berichten.

Denn wenn nicht wir selbst, wer sollte es dann für uns tun?

12 Gedanken zu „Entscheidungen

  1. Ihr lieben Leserinnen*, ich schaffe es leider zeitlich nicht, jede Nachricht oder jeden Kommentar einzeln zu beantworten. Aber ich lese alles sehr gründlich, Eure Posts regen mich wieder zum Nachdenken an, zeigen mir neue und andere Blickwinkel – dafür möchte ich Euch herzlich danken! Alle Sichtweisen, Gedanken und Gefühle sind willkommen, auch die kritischeren. Wir haben und spüren sie selbst, sie sind ja doch nur allzu menschlich. @Erna: Dass Du Enttäuschung fühlst, kann ich sehr gut nachvollziehen, dafür musst Du Dich auch keinesfalls entschuldigen.
    Danke für Eure Offenheit hier und Euer Interesse an dem, was ich schreibe.
    Herzliche Grüße von Gabriele

  2. Liebe Frau Nowak,
    auch mich hat der Eintrag sehr berührt & nachdenklich gemacht. Sicher keine leichte, aber eine sehr mutige Entscheidung. Auch wir haben ein schwerbeeinträchtiges Kind und ich habe mich fast in jeder Zeile selbst gefunden. Ich würde mich sehr über einen weiteren Eintrag im Blog über eure neue Lebensituation freuen. Gerne auch wie es Julius jetzt geht, wie ihr eine gute Einrichtung gefunden habt & wie die ersten Tage für Euch nach diesen Schritt waren. Ich wünsche alles erdenklich Liebe & viele schöne Momente mit Julius am Wochenende.

    GLG aus Wien
    Theresia

  3. Liebe Gabriele, schön Mal wieder was von dir zu hören. Für alles gibt es eine Zeit und auch egoistisch zu sein gehört dazu. Wenn man liebt kann man praktisch nichts falsch machen. Man muss die Dinge von allen Seiten betrachten, dann bekommt man eine ausgewogene Einschätzung. Auch du sollst dein Leben nach deinen Interessen ausrichten. Alles Gute weiterhin.
    Ich hoffe Ben geht es gut.
    Liebe Grüße Amalie

  4. Liebe Gabriele,

    auch ich habe schon vermisst, von Ihnen zu lesen. Ich habe mich immer ganz tief berührt und angesprochen gefühlt von Ihren Worten, weil ich mich wiedergefunden habe. Auch ich wünsche Ihnen Friede mit Ihrer Entscheidung und noch mehr Milde sich selbst gegenüber – Sie sind schon einen so weiten Weg gegangen und dürfen stolz sein, Ihren Sohn so gut begleitet zu haben und zukünftig weiter mit voller Kraft zu begleiten. Es ist zu spüren, wieviel Energie Ihnen die Arbeit gibt und diese kann Julius an den Wochenenden sicher geniessen. Ich kann jeden Ihrer Gedankengänge sehr gut nachvollziehen, wir haben auch ein schwer behindertes Kind, das uns täglich an unsere Grenzen bringt.

    Ganz herzliche Grüße, Elisabeth

  5. Liebe Gabriele,

    dein Beitrag hat mich gestern sehr traurig gemacht, ziemlich sicher war ich auch enttäuscht. Deshalb habe ich mit meiner Reaktion bis heute gewartet und solange
    in mich hineingespürt um herauszufinden warum ich fühle was ich fühle.
    Die Antwort kam dann auch sehr klar – es ist deshalb so, weil ICH es mir anders gewünscht habe. So eine unglaubliche Anmaßung, über dich zu urteilen! Dabei geht es hier keine Sekunde um mich, ich entschuldige mich bei dir von ganzem Herzen.

    Warum es mich wohl auch getroffen hat ist, weil ich seit drei Jahren den Sohn meiner Nichte begleite, er leidet unter dem 8p Syndrom. Ziemlich sicher habe ich auch Angst davor, dass seine Mutter eines Tages eine ähnliche Entscheidung trifft. Aber auch hier geht es dann wieder nicht um mich und ich werde es, wenn es soweit ist, lernen zu akzeptieren.
    Kein Mensch wird am Ende des Lebens einen Preis dafür überreicht bekommen brav durchgehalten zu haben. Den Preis, den wir wirklich kriegen, ist der, den wir uns selbst geben für ein Leben, in dem wir Verantwortung für unser eigenes Glück übernehmen.

    Alles Gute für dich und deine Familie!

    Herzlichst
    Erna

  6. Liebe Gabriele, was für eine mutige Entscheidung! Erschöpfte Grüße aus der nicht vereinbaren Vereinbarkeit von Homeoffice und Homeschooling, Julia

  7. Liebe Gabriele, sehr gut gemacht! Ich kann es sehr gut verstehen und habe genauso gehandelt. DENN.ES.GEHT.NICHT.ANDERS!!
    Es ist nicht unnatürlich, ein Kind, das so extrem viel mehr braucht, als ein so genanntes normales akind auf mehrere Leute zu verteilen, die zudem noch immer frisch, ausgeruht und meist jung sind. Ich wollte ich hätte meinen Jungen nicht erst mit zwölf ins heilpädagogische Internat gegeben, dann nämlich als Beziehung, Stoffwechsel, Nerven etc schon völlig kaputt waren.
    Und wer befindet darüber, was unnatürlich wäre? Leute, die keine Ahnung davon haben, was es bedeutet, wenn das eigene Kind so ist wie es ist.
    Viel Glück und alles Liebe!

  8. Hallo Gabi,
    eigentlich schreibe ich keine Kommentare. Aber möchte ich einfach nur Danke sagen und viel Kraft wünschen. Ich denke an euch.
    Anne

  9. Irgendwie Gedankenübertragung … gestern habe ich erst geschaut ob du denn wieder mal etwas geschrieben hast. Habe deine Zeilen schon so lange sehr sehr vermisst. Und dann kam heute etwas. Einfach nur toll! Uns schwirren zurzeit auch Gedanken über „in fremde Hände geben“ durch den Kopf obwohl das lange noch nicht so weit ist. Vielleicht kannst du dich ja an mich erinnern…wir haben uns bei einer deiner Vorlesungen im Frankenland kennengelernt wo du die dortigen prächtigen Sonnenblumenfelder bewundert hast. Du bist ein sehr großes Vorbild für mich. Euch alles Liebe & Gute!

  10. Liebe Gabi,

    habe deine Blogs schon vermisst. Ich freue mich so für dich, dass du dein Studium fortsetzt. Du / Ihr habt alles gegeben und ich bin mir sicher, an den Wochenenden tankt ihr dann alle wieder voneinander auf – vor allem weil du erholt bist.

    Es ist eine gute, mutige und wichtige Entscheidung. Wir haben uns darüber vor 2 Jahren unterhalten, denn wir sind in der gleichen Situation.

    Ich freu mich auf deinen nächsten Blog,
    Kathrin
    Kathrin

  11. Liebe Gabriele,
    erst vor kurzem hab ich an Euch gedacht und dann per Zufall die Wiederholung im TV gesehen. Ich kann mir vorstellen wieviel Mut es gekostet haben muss über eure Entscheidung zu schreiben und niemand kann sich vorstellen was das für ein täglicher Kraftakt sein muss, so für sein Kind da zu sein. Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß beim Studium, Kraft und alles Liebe,
    Astrid

  12. Liebe Frau Nowak,
    Schön, mal wieder etwas von Ihnen zu lesen. Insgesamt mal wieder sehr nachvollziehbar, die Gedanken zu dem Thema sind mir mit meinem Sohn nicht fremd, wenn auch die Grundsituation eine andere ist.
    Vielen Dank dafür und ich wünsche Ihnen Frieden mit der jetzigen Entscheidung und viel Erfolg und neue Einsichten in Ihren tollen Beruf!
    Herzliche Grüße,
    Marion Breuch

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