Wie schön wäre es, wenn…

 

 

Wie schön wäre es, wenn…

So denke ich manchmal.

Wenn…

…Julius zum Beispiel reden könnte! Dann könnte er mir vielleicht ab und an kleine Hinweise geben, was in seinem Kopf so vorgeht. So klitzekleine wenigstens.

Er könnte andeuten, wenn er Schmerzen hat, hungrig ist, friert oder ihm zu heiß ist. Oder noch besser! Er könnte mir sagen, ob es ihm in seinem Therapiestuhl manchmal langweilig ist, wenn er mit Otto und mir allein zu Hause bleiben und mir beim Schreiben zuschauen muss, oder ob ihm womöglich sogar hin und wieder der Po vom vielen Sitzen weh tut. Ob er manchmal traurig darüber ist, dass er sich kaum bewegen kann, währenddessen wir die ganze Zeit hektisch und

v  o l l gestresst um ihn herumspringen.

Er könnte mir berichten, wie sich ein Anfall anfühlt und ob er mitbekommt, dass er gelegentlich dabei lacht. Wie er das Ernährungssondenloch in seinem Bauch (diese direkte Verbindung in seinen Magen) findet und ob er sich seltsam vorkommt, wenn wir ihn in seine orthopädischen Schuhe und in seine Stehorthese quetschen, um ihn dann wie einen Gartenzwerg vor den Wohnzimmertisch zu stellen.

Ich könnte ihn endlich einmal fragen, ob ihm seine schlabbrigen hochkalorischen Superspezialpuddings, mit den Geschmacksrichtungen Vanille und Sommerfrüchte nicht so langsam zum Halse heraushängen und warum er bei der Sorte Waldbeere seine Lippen so zusammenpresst. Aber stopp, ich habe etwas vergessen! Zunächst würde ich wissen wollen, ob er nachts einsam ist und womöglich Angst hat, wenn er allein in seinem Pflegebett liegt und wieder mal nicht schlafen kann?

Natürlich würde ich ihn auch fragen, wie oder besser ob er uns überhaupt sehen kann, ob er weiß, dass sein Bruder eine Brille trägt, Otto ein schwarzes Fell, sein Vater kurze und seine Mutter lange Haare hat?

Und da ist noch etwas. Er könnte mir sagen, ob er uns vermisst, wenn wir ihn für ein paar Tage oder gar für eine Woche in die Kurzzeitpflege geben und ob es ihm dort auf der Kinderstation der Diakonie gefällt.

Aber wenn ich mir das soeben Geschriebene durchlese, dann fällt mir auf, dass ich das Beste noch nicht erwähnt habe.

Denn, wenn Julius reden könnte, dann könnte er dieses ganz bestimmte Wort sagen. Ein Wort, das eigentlich zum Kindsein genauso dazugehört, wie die Windeln, die Hippgläschen und das Babyphon. Eines, mit einer ganz schön großen Bedeutung.

Ein Wort, das zum ersten Mal vom Kleinkind ausgesprochen (besser gesagt: gelallt) bei den meisten Erstgebärenden (Ich bei Tom!) einen hysterischen Glückstränenausbruch verursacht und sofort mit Datum, Uhrzeit und Namen der anwesenden Zeugen im penibel geführten Fotoalbum („Meine ersten Jahre“) in der entsprechenden Kategorie („Meine ersten Wörter“) dokumentiert wird.

Und das, Jahre später von demselben Kind, mit kreischender Stimme mehrmals durch den Hausflur gebrüllt, bei ebenfalls denselben Frauen meistens heftiges „Genervtsein“ auslöst.

Eines, mit dem sich Heintje in den sechziger Jahren in alle bedürftigen Nachkriegsfrauenherzen und darüber hinaus wahrscheinlich in die Unsterblichkeit gesungen hat.

Auf jeden Fall eines, das ich manchmal ganz schön dolle vermisse.

Ich glaube, ihr wisst welches ich meine…

11 Gedanken zu „Wie schön wäre es, wenn…

  1. Liebe Frau Noack

    Herzlichen Dank für dein feinfühligen Blogeintrag. Es berührt mich sehr, und ich stehe so ohnmächtig daneben, und doch fühle ich mit und möchte Ihnen einfach für Ihre unglaubliche Liebe danken.

    Alles Liebe und Gute im neuen Jahr.
    Liebe Grüsse
    Susanne Wieland
    aus dem Emmental – Schweiz

  2. Liebe Frau Noack, danke für diese ehrlichen Worte. Es berührt mich immer wieder sehr, wenn Sie von Ihrem Alltag schreiben. Ich glaube auch, dass Julius spürt, dass er sehr lieb gehabt wird. Und beim Lesen hatte ich ganz oft das Gefühl, dass er zu mir „spricht“. Das fand ich einen schönen Gedanken, den ich Ihnen noch gern mitteilen wollte.

  3. Liebe Gabriele, danke dass du es wieder einmal richtig auf den Punkt gebracht hast. Mit vielem habe ich mich in 16 Jahren Leben mit einer komplex behinderten Tochter arrangiert. Rolli, Windeln, Schlauch im Bauch, Pflegebett, alle 2 Std. den Schlauch zum Luft ablassen öffnen, Kurzzeitpflege, fehlende Babysitter und Ferienbetreuung, Schluss mit meinem Beruf als Hebamme und …….Manches vermisse ich jeden Tag .. so wie du.. nicht zu wissen was A. denkt, fühlt, und gerne tun würde. Mit „Versuch und Irrtum “ und ganz viel Nähe erahne ich manchmal.. vielleicht.. was sie braucht.
    Es tut gut zu wissen, dass solche außergalaktischen Fragen und Wünsche auch in anderen Familien Realität sind.
    Ich bin zwar kein Heintje Fan, wäre aber entzückt wenn meine Tochter nur den Anfang des Liedes ………..trällern könnte.
    Wie gut dass wir verNetzt sind. Ursula aus Esslingen. http://www.rueckenwind-es.de für noch mehr VerNetzung.

  4. ..vielen Dank für den neuen Beitrag. Es tut gut zu lesen was andere Eltern oder Großeltern, so wie wir,
    beim Zusammenleben mit einem behinderten Kind fühlen. Es ist als schaue man seinem eigenen Familienleben von außen zu. Die gleichen Empfindungen, Gefühle, manchmal Verzweiflung, dann wieder Hoffnung…..und immer diese Angst! Auch vor dem Klingeln des Telefons….!

  5. Liebe Gabriele…Beim Lesen wurde ich ziemlich traurig und nachdenklich..Ich kann es mir schwer vorstellen wie das ist wenn man (fast) gar keine Rückmeldung bekommt und alles erraten muss, sich ständig Gedanken macht wie er sich fühlt und was er jetzt braucht, dazu die ständige Angst vor einem Anfall..Ich glaub aber fest daran dass Julius spürt dass ihr ihn liebt..Ich wünsche dir und deiner Familie weiterhin viel Kraft. Liebe Grüße, Astrid

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