Vom Guten und Bösen

 

Wie geht es mit der Spezies Mensch in der Zukunft wohl weiter? Geht es  überhaupt noch weiter oder schaffen wir es tatsächlich irgendwann, uns selbst zu vernichten? Ja, diese Frage beschäftigt mich.

Oh nein, denken vielleicht jetzt manche, bitte kein Grundsatzthema. Nur kein schwülstiges Gelaber nach dem Motto: Wo führt das bloß noch alles hin? Oder womöglich so eine „Die- Welt- ist- einfach- schlecht“- Phrase.

Der Rechtsruck in der Politik, ein Trump in den USA,  überhaupt, diese verdammt vielen Narzissten an der Macht! Ja, die machen mir Angst. Deshalb muss ich zugeben: Ich neige manchmal dazu, meine anfangs gestellte Frage mit der Aussage zu beantworten: „Ich glaube, das geht nicht gut aus…gar nicht gut…“

Vielleicht werde ich auch nur alt? frage ich mich. Regen sich ab 40 die „Früher- war- alles- besser – Hirngespinste“? Gehören solche Trugbilder zum üblichen Verlauf einer menschlichen Persönlichkeitsentwicklung?

Nicht, dass ich so denken würde. Nein, ganz und gar nicht. Es gibt viel Gutes, was sich in den vergangenen Jahrzehnten getan hat. Grund-, Menschen- und Kinderrechte, der Feminismus, Naturschutz, medizinischer Fortschritt und hierzulande doch das Wichtigste: der Frieden.

Und dennoch. Erst knapp über 70 Jahre ist der Zweite Weltkrieg vorbei. Und bei vielen scheinen all die Gräueltaten aus der Erinnerung verschwunden zu sein. Wie sonst kann es eine AfD in den Bundestag schaffen? Wenn man sich auch nur hin und wieder mit der Deutschen Geschichte beschäftigt, dann müsste doch unser allgemein erklärtes Ziel der Friedenserhalt und eine ständige Weiterarbeit an der Demokratie sein, oder nicht?

Aber am Allermeisten sorge ich mich um unsere Natur. Berichte über Unmengen an Plastikmüll, eine sich im Aufbau befindende Tierversuchsindustrie in China, Lug und Trug bei Umweltschutzauflagen in der Industrie, Massentierhaltung und Kükenschreddern. Und dabei geht es immer nur um eines: Um den Profit. Von einzelnen.

Man könnte verzweifeln.

Das bringt nur nix.

Und ein Verzweifeln käme auch ein Verleugnen all der Menschen gleich, die sich wehren, die sich für andere einsetzen, sich kümmern, verzichten. Ja, die Gutes tun und somit unaufhaltsam dazu beitragen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Doch nach wie vor ist es so, dass diejenigen viel zu leise sind. Und somit viel zu wenig gesehen oder gehört werden.

Julius hat momentan eine Lungenentzündung. Am Donnerstag verschlechtert sich sein Zustand rapide. Er ringt nach Luft, sein Brustkorb pumpt und pumpt während seine Temperatur steigt und steigt. Wir inhalieren, geben ein  Antibiotikum, Ibuprofen, Sauerstoff, zweistündlich Morphin.

Unsere liebe, Julius zu dieser Zeit betreuende Krankenschwester, Michael und ich, können es nicht mehr mit ansehen.

Um Mitternacht rufen wir die 112.

Kurze Zeit danach parkt blinkend der Rettungswagen vor unserer Tür. Wiederum ein bisschen später liegt Julius in der Notfallaufnahme unseres Krankenhauses.

Dort versorgt ihn zunächst eine Pflegerin – viel zu  gemächlich, finde ich. Dann endlich erscheint eine junge Ärztin, die sich allerdings beim Anblick des Geschehens, gleich wieder auf den Weg macht, um einen erfahrenen Kollegen zu holen. Mir geht alles viel zu langsam. Wieso tut denn keiner was?, frage ich erst leise, dann laut.

Julius hat jetzt schreckliche Atemnot. Ich drücke ihn hilflos an mich, wiege ihn langsam hin und her, schreie leise, weine verzweifelt. Ein Abgrund tut sich vor mir auf. Der Tod gibt mal wieder eine kleine Kostprobe.

Dabei weiß ich doch genau, dass Julius im Grunde keine Zukunft hat. Seine Epilepsie hat sich in den letzten Wochen massiv verschlechtert, wir müssen mehrmals am Tage mitanschauen, wie er zuckt, erstarrt und blau anläuft. Michael und ich haben eine Verfügung unterzeichnet. Unser Sohn soll nicht reanimiert werden. Wenn es soweit ist, dann wollen wir ihn gehen lassen.

Und dennoch. Es klingt vielleicht seltsam. Aber wir finden, zum Sterben ist es noch zu früh. Doch kommt der Tod nicht immer ungelegen?

Zu Julius kommt erst einmal ein weiterer Arzt. Er legt einen Zugang, spritzt Schmerzmittel, Antibiotikum, nimmt Blut ab, ordnet ein Röntgenbild an.

Jetzt läuft es, würde man sagen.

 

Die Krankenschwester aus der Notfallaufnahme betreut danach Julius die ganze Nacht über. Sie inhaliert mit ihm, misst Fieber, Blutdruck, wechselt behutsam seine vom Schweiß und Erbrochenen verschmutzte Kleider und hängt eine Infusion nach der anderen an. Ich ändere meine Meinung über sie. Die junge Ärztin erscheint laufend im Zimmer, spritzt ebenfalls Medikamente, diskutiert Blutwerte, begutachtet das Röntgenbild. Sie ist besorgt und liebevoll. Wie menschlich und kompetent es von ihr war, Hilfe zu holen, als sie sich überfordert fühlte, denke ich jetzt.

Julius beruhigt sich, atmet viel langsamer. Es geht ihm besser. Ich weiß nun, dass er es überleben wird.

Und auch am nächsten Tag kümmern sich viele Menschen. Unsere Krankenschwestern von zuhause kommen vorbei. Sie sind spürbar erleichtert, als sie sehen und hören, dass es Julius besser geht. Was für gute Nachrichten!, meinen sie, streicheln seine Händchen, seine Wangen. Die Fahrerin vom DRK-Kinderbus schickt Julius per Whatsapp unendlich viele glücksbringende Kleeblattsymbole.

Das Palliativteam meldet sich. Sie fragen, ob wir Julius zuhause weiter versorgen wollen? Wenn ja, würden sie alles organisieren, damit wir entlassen werden könnten.

Noch am selben Tag werden aus der Apotheke alle notwendigen Medikamente und ein Sauerstoffkonzentrator in unsere Wohnung geliefert.

Währenddessen wird Julius in der Klinik versorgt. Die heute diensthabende, schon etwas ältere Schwester bringt eine frische Bettdecke vorbei – bedruckt mit bunten Bärchen und Herzen.

„Das ist doch gleich viel gemütlicher“, meint sie und entfernt die sterile weiße Erwachsenenwäsche. Sie wechselt sein kleines, einfarbig hellgrünes Flügelhemdchen und murmelt mürrisch dabei: „Diese grünen Teile…früher hatten wir so schöne, bunte Kinderhemdchen…aber jetzt…ach, die haben kein Herz…“

Ich vermute, „die“ ist die Krankenhausverwaltung, welche aus Kostengründen auf eine billige, hellgrüne Hemdchenausstattung besteht. Diese Fürsorge berührt mein ohnehin nach diesen Ereignissen angeschlagenes Gemüt so sehr, dass mir still und heimlich die Tränen kommen.

Einen Tag später dürfen wir tatsächlich die Klinik verlassen. Zuvor kommt zum wiederholten Male die Oberärztin vorbei, bietet ihre Hilfe und Unterstützung an, falls wir daheim nicht mehr weiter wissen. Zuhause besucht uns sofort eine Palliativschwester und erklärt uns die intravenösen Infusionen mit einem speziellen System.

Obwohl viele Dinge in unserem Gesundheitssystem falsch laufen, fällt es mir nach diesen berührenden Erlebnissen schwer, zu denken, dass die Welt demnächst zugrunde geht.

Wollen die meisten Menschen nicht einen „guten Job“, überhaupt es „recht machen“ im Leben?

Ja, das wollen sie. Davon bin ich zutiefst überzeugt.

Es gibt so viel Positives, Wertvolles und so viele anständige Menschen. Ich finde nur, sie müssten präsenter und lauter sein.

Die Guten sind schlichtweg zu leise. Sie sollten nicht nur vor sich hin murmeln. Sondern mindestens genauso laut sein, wie all die Profitgierigen.

 

3 Gedanken zu „Vom Guten und Bösen

  1. Ach ja, und zu den „Guten“. Sie sind auch deshalb gut, weil sie leise sind. Weil sie sich nicht in die Brust schmeißen und von sich und ihren Heldentaten prahlen. Vielleicht ist es unsere Aufgabe, das Gute in den vielen Menschen um uns herum trotz des lauten Getöses ringsherum zu erkennen und darauf zu vertrauen…und dort, wo wir können, selber Gutes zu tun.

  2. Ein Gänsehaut-Erlebnis, ein Gänsehaut-Blog. Danke fürs Schreiben dieser Zeilen. Ich habe beim Lesen zwischendurch aufgehört zu atmen, so habe ich mit Euch gelitten. Ich hoffe, Julius geht es wieder besser. Ja, Ihr wisst genau, wohin Euer Weg Euch führen wird, und das macht es nicht einfacher. Ich ziehe meinen Hut vor Dir, dass Du es trotz aller Belastung schaffst, Eure Situation zu reflektieren und uns teilhaben lässt. Einen Kuss für Julius! (besser nicht von mir persönlich, ich bin erkältet und würde es nur noch schlimmer machen).

  3. Liebe Gabriele, Du sprichst mir so aus der Seele… genau diese Gedanken habe ich mir auch immer wieder gemacht .man verwzeifelt an der Menschheit, weil man den E8ndruck hat die Menschheit als solche ist ein Bruchpilot, eine reaktive, keine proaktive Spezies..und gleichzeitig passiert so viel wunderbares, anrührendes..

    ..danke dafür dass du es so auf den Punkt bringst, Ist mein Gedanke für heute! Viel Glück euch allen!

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