Sommertag

Es ist Sommer, seit Tagen herrscht im Land eine quälende Hitze und ich liege eingepfercht zwischen fremden Campingstühlen, Kühltaschen und Schwimmflügeln am Strand des Badesees. Ein buntes Mosaik aus unzähligen, rechteckigen Handtüchern verdeckt den grünen Grasteppich der Wiesenfläche rund um das Wasser. Ich höre Kinderlachen, das Weinen eines Babys, Entengeschnattere und das leise Summen eines Elektrobootes.

Tom sucht seit Stunden mit seiner neuen Taucherbrille und seinen neuen Flossen vergeblich irgendetwas Lebendiges auf dem Grund des Seebodens. Julius schläft neben mir in seinem Rehabuggy, die Applix pumpt zuverlässig langsam Flüssigkeit in seinen Magen. Otto hat es sich mit dem Kopf auf meinen Beinen gemütlich gemacht.

Ein warmer Windstoß lässt die Blätter der Birke über mir rascheln, ich schaue nach oben. Dann schließe ich meine Augen.

Eigentlich bin ich mittendrin im Leben, überlege ich mir. Noch mehr rein, geht beim besten Willen nicht.

Und doch spüre ich um mich herum diese zarte Hülle der Andersartigkeit. Wie eine Art Kokon ist sie und seit Julius` Geburt immer da. Mal spüre ich sie stärker, dann bin ich förmlich eingewickelt. Sie ist jedoch nicht straff und bedrückt mich auch nicht. Aber sie zeigt mir, dass es da zu den anderen etwas Trennendes gibt. Dass ich irgendwie nicht mehr so richtig dazugehöre, anders geworden bin.

Obwohl ich heute hier unter all den Menschen bin, fühle ich sie. Ich fühle sie, wenn ich mir im Büro mit meinen Kollegen den Kopf wegen einer Aufgabe zerbreche, mit Freunden herumalbere, im vollbesetzten Kino sitze oder im Restaurant. Immer ist da etwas Unsichtbares zwischen mir und den anderen.

Durch diese Hülle habe ich scheinbar eine andere Form angenommen. Ich könnte mich auch als ein mit Tesa geklebtes Puzzlestück bezeichnen, das nicht mehr so richtig in die ausgestanzte Lücke passen will.

Das hat überhaupt nichts mit der Behinderung unseres Sohnes zu tun, sie ist es nicht, die mich zu einer gefühlten Außenseiterin macht.

Ich glaube, es ist dieser durchlebte Schmerz. Dieser erzwungene Blick in den Abgrund. Wer da einmal hinab geschaut hat, verändert sich. Ich bin nicht mehr die, die ich noch vor einigen wenigen Jahren war.

Seltsam ist, dass ich mich im Grunde nicht einmal denen grenzenlos nah fühle, die Ähnliches erfahren haben. Es bleibt immer ein Abstand.

Wahrscheinlich ist das so, weil jeder Abgrund anders aussieht. Und jeder Mensch eben immer nur in seinen eigenen schauen kann.

Aber was kann man denn da unten erkennen? Kann ein Blick einem das Gefühl geben, nicht mehr richtig zu dieser Welt da draußen zu passen?

Ja, das kann er. Davon bin ich überzeugt.

Denn es ist ein Blick in die Tiefe der eigenen Einsamkeit.

Dabei fühle ich mich nicht allein, bin nicht traurig, nicht verzweifelt. Nein, im Gegenteil! Heute ist ein sonniger, ein fröhlicher Ferientag. Ich bin mir nur mal wieder des Abgrundes bewusst.

Das ist es.

Nicht mehr und nicht weniger.

Ein paar von uns Menschen haben vielleicht Glück und müssen nie in ihren hinabblicken. Wieder andere verschließen die Augen davor oder behaupten keinen zu haben.

Aber diejenigen, die ihren schon einmal kennengelernt haben, ich vermute, die wissen, wovon ich schreibe.

 

 

12 Gedanken zu „Sommertag

  1. Diese zarte Hülle, von welcher du schreibst, die fühle ich auch. Überall und immer, seit meine kleine Tochter geboren ist und ich ganz langsam erkannt habe, dass sie ganz besonders tapfer sein muss in ihrem jungen Leben. Und sie macht das großartig und gibt mir mit ihrer Lebensenergie jeden Tag die Kraft, dass ich das auch schaffen kann. Nur wenn ich bei ihr bin, verschwindet das Gefühl dieses unsichtbaren Kokons. Und alle seltsamen Gedanken oder unsicheren Gefühle haben kein Gewicht mehr. Diese innere Ruhe, so glaube ich, können nur Menschen empfinden, die ihren eigenen Abgrund erahnt oder bereits gesehen haben.
    Danke für deine Gedanken.

    1. Liebe Anne, Danke für Deine berührende Nachricht! Ich kenne diese Momente der Nähe, wenn der Kokon zu verschwinden scheint…schön, dass Du davon geschrieben hast! LG Gabriele

  2. Danke fuer die schoenen und tiefen Worte.
    Ich fuehle mich den Muettern und Eltern sehr nahe, mit denen wir zusammen immer mal wieder in den Abgrund schauen. Fuer mich hat es eine neue Art der Verbundenheit mit den Familien rund um die Welt gebracht. Wo immer ich Familien mit schwerstbehinderten Kindern kennen lerne, sei es in den USA oder Deutschland verbindet uns genau dieser Punkt. Man versteht sich, auch ohne Worte weil man den gleichen Weg geht.

  3. Genauso geht es mir auch…. hätte es nie so auf den Punkt bringen können….Deshalb bin ich immer sehr happy, dass andere Menschen(Mütter) das so gut können;)

  4. Ganz genau so fühle ich! Danke!!! Und witzigerweise spüre ich es gerade an warmen Sommertagen im Freibad ganz intensiv… ich glaube auch, dass es dieser tiefe Schmerz ist, den wir gefühlt haben und ja es ist auch eine Einsamkeit, stimmt. Ich habe oft gedacht: da muss ICH nun durch. Und obwohl ich nicht alleine war. Meine Trauer konnte mir keiner nehmen. Ich glaube aber dass man sich dadurch auch seiner selbst bewusst wird und ich muss auch sagen, nun ein Jahr später habe ich viel geschafft und bin wieder viel glücklicher. Aber das Gefühl, das du beschreibst bleibt…

  5. Das trifft auch mein Gefühl mit mir!
    Danke – mal wieder – für‘s Ausformulieren.
    Liebe Grüße,
    Marion Breuch

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