Meine Freiheit im Korsett

„Sie dürfen nie vergessen, dass sie ein Leben in einem ganz, ganz engen Korsett führen…“

Das hat sie gesagt. Die Frau am anderen Ende der Leitung. Es war ein lieb gemeinter Hinweis.

Ich habe am Telefon mit ihr geplaudert, über dieses und jenes. Über das, was Frauen halt so beschäftigt. Wir kennen uns schon länger. Sie ist eine der vielen Menschen, die uns seit Julius` Geburt begleiten. Und während dieses Gesprächs hat sie mich darauf aufmerksam gemacht, gut auf mich zu achten. Auf mich aufzupassen. Wegen unserer Familiensituation. Weil doch alles oft ziemlich viel ist. Ja, das machen Frauen so. Sie kümmern sich umeinander. Sie sorgen sich.

Da gibt es einen Unterschied zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht, finde ich. Ich habe noch nie einen Mann zu einem anderen „Pass` gut auf Dich auf“ sagen hören. Männer sagen eher so etwas wie: „Lass` es krachen“, „Hau` rein!“ oder im Zeitalter der Anglizismen: „Let`s rock“.

Egal, das ist mal wieder nur so ein Nebengedanke von mir. Eigentlich beschäftigt mich etwas anderes.

Dieses Wort:

Korsett.

Auch noch ganz eng. So schlimm sieht es aus?, denke ich. So sieht man mich, meinen Alltag, unser Leben?

Gleich nachdem ich aufgelegt hatte, spürte ich abrupt eine Enge in der Brust. Dann mein Atmen. Fiel es mir schon immer so schwer, Luft in meine Lungen zu ziehen?

Tatsächlich erschien mir auf einmal alles um mich herum viel beklemmender. Das kam mir ein wenig wie bei diesem Kinderwagenphänomen vor:

Wenn man schwanger werden will, es aber nicht klappt, begegnet man plötzlich überall Müttern mit Kinderwagen.

Oder: Wenn man zu spät dran ist, sind schlagartig alle Ampeln rot.

Das geht sogar so weit, dass manche Menschen glauben, ein Mann, der es im Immobiliengeschäft zu Milliarden gebracht hat, setze sich für soziale Gerechtigkeit ein.

Man sieht das, was einen gedanklich beschäftigt. Oder über was viel geredet wird.

Wahrnehmungstäuschung. Ich habe erst neulich einen spannenden Artikel darüber gelesen.

 

Lebe ich nun in einem zugeschnürten Mieder? Bin ich eingezwängter als mir bewusst ist? Oder spielt mir mein Hirn, dieses schelmische Wesen, gerade einen Streich?

Gabi, sage ich mir. Du wirst ja jetzt nicht behaupten wollen, die fleischgewordene Unabhängigkeit zu sein. Du weißt doch ganz genau, wieviel Organisation es bedarf, arbeiten zu gehen. Oder zum Friseur. Ins Kino. Geschweige denn, einmal mehrere Tage wegzufahren. Ich denke an unseren VW-Bus. Sein riesiger Kofferraum ist eigentlich viel zu klein. Wenn wir auf Reisen gehen (also nach Bayern gondeln), passen nur mit großem Planungsgeschick die gesamten Hilfsmittel von Julius hinein. Und da wäre auch noch Otto, unser Pudel, den wir in seiner Box auf die Rückbank quetschen müssen.

Jetzt erscheint vor meinem inneren Auge das Bild eines Restaurantbesuchs vor einiger Zeit. Otto, angebunden an meinem Oberschenkel, zerrt an der Leine. Julius liegt unruhig in meinen Armen. Tom quengelt. Und vor mir steht köstliches Essen, das ich versuche irgendwie in mich hinein zu bekommen.

Sieht so etwa Freiheit aus?

Freiheit. Was heißt das überhaupt?

Gibt es nicht zwei Arten davon, frage ich mich? Einmal wäre da die äußere. Die äußere Freiheit, also.

Natürlich könnten wir mit einem gesunden Kind viel mehr unternehmen. Wir könnten spontan sein. Fliegen. Zukunft planen.

Und ganz ohne Kinder? Meine Güte, sagen Michael und ich hin und wieder. Was wäre unser Leben sorgenlos, wenn wir nur für uns verantwortlich wären.

Dass das völliger Quatsch ist, wissen wir selbst. Aber manchmal denkt man das halt.

Eine gute Freundin von mir ist gerade auf Weltreise. Ein Jahr lang lebt sie in fremden Ländern. Ganz allein hat sie sich auf den Weg gemacht. Wie frei sie ist! Natürlich beneide ich sie, wenn sie mir wunderschöne Fotos von faszinierenden Orten schickt!

Und eine absolute äußere Freiheit. Wie sähe die eigentlich aus?

Endlos viel Geld haben? Nie mehr ins Büro rennen müssen? Völlig unabhängig den Winter auf den Kanarischen Inseln zu verbringen, den Sommer an der See oder in den Bergen. Ja, das wäre Freiheit pur. Oder nicht?

Wenn es da nicht noch eine andere Art von Freiheit gäbe, glaube ich. Die innere.

Ich kann sie schwer in Worte fassen, weil sie mit keinen materiellen Dingen in Zusammenhang gebracht werden kann. Sie ist ja auch nur ein Gefühl. Ein Erleben.

Mir fällt ein Freund ein. Obwohl er kinderlos ist, genügend Geld zur Verfügung hat, ständig auf Reisen ist, fühlt er sich nicht frei. Er leidet unter Depressionen. Die innere Freiheit scheint also nicht unbedingt mit der äußeren Hand in Hand zu gehen.

Fühle ich mich frei, und wenn ja, wann?, überlege ich.

Wenn ich mich mit Worten zum Ausdruck bringen kann.

Wenn ich Sätze lese, die in mir etwas zum Schwingen bringen.

Wenn ich mit Menschen zusammen bin, die mir etwas bedeuten.

Wenn ich im Hier und Jetzt bin.

Wenn ich mit dem Fotoapparat und wachen Augen losziehe.

Wenn ich die Schönheit im Alltäglichen erkennen kann.

Vielleicht ist es mit der Freiheit so, wie mit dem Glück. Sie bleibt nicht dauerhaft, sie ist flüchtig. Ich spüre sie in kleinen Momenten.

Etwas ist komisch. Ja, paradox: Ich würde behaupten, dass ich mich heute weniger eingeengt als früher fühle. Das liegt wahrscheinlich am Älterwerden. Oder an was auch immer.

Ist man freier, je mehr man seine Unfreiheit erkennt und annimmt?

Nein, ich bin nicht frei. Manchmal wäre ich es gerne. Natürlich. Manchmal säße ich gerne mutterseelenallein auf meiner Camembert-Alm.

Aber wenn ich ehrlich bin, dann bin ich lieber unfrei.

Wäre der Preis der absoluten Freiheit nicht die Einsamkeit?

Sind nicht alle unfrei, die ihr Herz an andere Menschen, an Freunde, Kinder, Eltern, an eine Aufgabe, ein Lebensziel oder an irgendetwas verschenken?  Weil wir dann davon abhängig sind, wie es diesen Menschen oder Projekten geht? Weil wir Verantwortung für sie tragen?

Gibt so ein Korsett nicht  auch Halt? Und eine Form?

Ich denke an Julius´ Sandweste. Er trägt sie wie ein Korsett. Witzigerweise fühlt er sich ziemlich wohl mit diesem Anzug, weil er sich besser damit spürt. Mir geht es meistens – nicht immer – ähnlich mit meinem imaginativen Mieder.

Manchmal wird mir die Schnürung zu eng. Da vergesse ich, dass ich die Fäden dafür in der Hand halte.

In den vergangenen Tagen hatte ich mal wieder große Lust zu fotografieren. Einige Bilder seht ihr hier oder auch bei Instagram. Sie sind in unserem Garten entstanden, beim Spazierengehen, Wandern, beim Blick aus dem Fenster. Motive also, ganz in meiner Nähe.

Für mich sind diese Bilder kleine Augenblicke meiner inneren Freiheit, wenn man es pathetisch formulieren will.

Mir zeigen sie die Schönheit des Lebens. Des Lebens in all seiner Begrenztheit.

 

 

 

6 Gedanken zu „Meine Freiheit im Korsett

  1. Liebe Gabriele, unser Leben ist durch unser krankes, schwer beeinträchtigtes Kind ganz anders als wir uns das erwartet und gewünscht hätten – oft fühle ich mich eingeengt und ringe um Akzeptanz und ein Annehmen. Ich hoffe es wird leichter und ich lerne diese innere Gelassenheit, die in dem Text spürbar wird. Das Mail vom Blog war ein wirklicher Lichtblick, der meinen Tag heller gemacht hat! Ein Text, den ich mir zum Wiederlesen speichern werde, so tief hat es mich berührt! Dafür vielen Dank! Barbara

    1. Liebe Barbara, ich glaube, ich kann Dich so gut verstehen. Der Anfangsschmerz scheint oft unerträglich. Noch in der Schwangerschaft und auch davor, war man voller Träume und Hoffnungen. Es braucht Zeit, diese nicht in Erfüllung gegangenen Sehnsüchte zu betrauern, sie quasi „zu Grabe zu tragen“. Die Trauer ist ein Teil von mir geblieben. Aber ich kann mit ihr wieder sehr glücklich sein.
      Danke für Deine Zeilen und von Herzen alles Gute! Gabriele

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