Große und kleine Bälle

 

Seit Tagen laufe ich mit einem Kloßgefühl  in meinem Hals herum. Ziemlich unangenehm. Es ist, als hätte ich einen Tischtennisball verschlungen, der nun irgendwie in meinem Kehlkopf fest sitzt.

Ich kenne dieses Missempfinden. Ich habe es immer mal wieder.

„Das kriegst Du immer dann, wenn Du irgendetwas in deinem Leben nicht schlucken magst!“ sagt Michael.

Ach, denke ich. Und was soll das sein? Was ist gerade so schwer verdaulich, dass ich es nicht hinunter bekomme? Dass es mir scheinbar auf halbem Wege im Halse stecken bleibt?

 

Tom wird in den nächsten Tagen 10 Jahre alt. Heute Morgen fuhr ich ins Sportgeschäft, um ihm ein Geschenk zu besorgen. Michael und ich haben beschlossen, dass unser Sohn einen neuen Fußball bekommen soll.

Völlig überfordert stand ich im Laden vor einem riesigen Regal, bestückt mit Bällen in allen möglichen Farben. Blitzschnell erkannte ich, dass ich Hilfe brauche.

Ein netter junger Sportgeschäftefachverkäufer nahm sich meiner an.  Zielsicher griff er einen Fußball heraus und meinte: „Den würde ich mir wünschen! Der ist cool!“

Dabei lächelte er verträumt und hielt das Leder so liebevoll in den Händen, dass klar war, es musste sich hierbei um ein ganz besonderes Stück handeln. Ohne weiter darüber nachzudenken, sagte ich überzeugt: „Den nehm` ich!“

Ja, Tom ist wider Erwarten zum begeisterten Fußballspieler mutiert. Einfach so. Er hat seine neue Leidenschaft allerdings erst vor kurzem entdeckt. Genau genommen, geht er erst seit ein paar Monaten regelmäßig und voller Hingabe ins Training. Sein Eifer rührt mich deshalb so, weil ihn sicherlich kein außergewöhnliches Talent oder Können auf das Feld treibt.  Außerdem haben ihm seine Spielerkumpels jahrelanges Üben voraus (er ist ja quasi Quereinsteiger). All das scheint ihn nicht zu stören – er hat Spaß auf dem Platz.

Michael und ich haben mit Fußball absolut nichts am Hut. Wir kennen weder die neuesten Bundesligaergebnisse, geschweige denn gegenwärtige Mannschaftsmitglieder. Wir gehen nicht ins Stadion und schauen nie die Sportschau.

„Der arme Bub!“ denken jetzt wahrscheinlich viele. Aber so ist es.

War es, besser gesagt.

Jetzt schaltet Tom bei extrem wichtigen Champions League-Spielen den Fernseher ein, erklärt uns den Unterschied zwischen einem Vollspannstoß und einem Piekenstoß und schwärmt für Manuel Neuer (wobei, das ist etwas, was ich noch am allermeisten verstehen kann, nebenbei bemerkt).

Nicht, dass jetzt der Eindruck entsteht, der Einzug der UEFA in unser Haus, hätte mir den Tischtennisball in meiner Gurgel beschert. Nein, ganz im Gegenteil! Ich bin glücklich, dass Tom so begeistert kickt. Ich freue mich, dass er seinen eigenen Weg geht.

Vielleicht ist der zehnte Geburtstag für dieses Gefühl in meinem Hals verantwortlich, überlege ich mir?

 

Die Geburtstage meiner Kinder hüllen mich ohnehin immer in eine Art melancholische Wolke. Während Tom aufgedreht die Stunden bis zu seinem großen Big Bang zählt, werde ich immer leiser. Schon Zehn, denke ich. Meine Güte, es ist doch noch gar nicht so lange her, da habe ich ihn im Kinderwagen vor mir hergeschoben.

Zehn. Das heißt, dass wahrscheinlich auch ich ein paar Jahre mehr auf dem Buckel habe. Kann das sein?  Dass es so viele sein sollen, scheint mir allerdings rätselhaft, ja fast mysteriös.

Und da ist noch etwas, an das mich die Geburtstage meiner Kinder erinnern. Sie rufen mir unweigerlich frühere Lebensentwürfe in Erinnerung. Nein, ich will jetzt nicht darüber schreiben, dass mein Leben mit Julius heute ganz anders verläuft, als ich es eigentlich geplant hatte.

Ich denke weiter zurück. An meine  Vorstellungen vom Muttersein und Mutterwerden, die ich vor Toms Geburt hatte. Ich denke an meine Sehnsüchte als Noch-Kinderlose. An dieses verklärte „Kate-Middleton-Familien-Traumbild“, das ich hatte.

Jetzt kommt es mir so vor, als blicke ich mit Adleraugen zehn Jahre zurück. Und sehe neben vielen schönen Dingen, auch ziemlich viele Fehler, die ich gemacht habe.

Wann?

Wahrscheinlich immer genau dann, wenn ich insgeheim und stillschweigend annahm, meine Kinder würden sich so verhalten oder so sein, wie es mir am besten in den Kram passte, also, wie ich es erwartet hätte.

Wenn ich zum Beispiel davon ausging, ein zweijähriger Tom würde Sonntagmorgens bis wenigstens 6 Uhr schlafen oder wüsste, dass man bei Edeka nicht alles mitnehmen kann, was da so bunt und anziehend in den Regalen steht. Oder ein Kind würde spüren, wenn Eltern mitunter Zeit für sich benötigen. Und sich dann mehr oder weniger verständnisvoll zurückziehen, anstatt gnadenlos und unbarmherzig – bis zum Reißen des Geduldsfadens- Aufmerksamkeit einzufordern. 

Ja, ich denke an Situationen, die mich in diesen Jahren an meine Grenzen brachten. Und heute tut es mir leid, oft nicht verständnisvoller und feinfühliger gewesen zu sein.

„Fehler machen klug, drum ist einer nicht genug!“, soll Ingrid Steeger gesagt haben  – so hat man es mir einmal erzählt.  Man sollte gnädig mit sich sein. Und sich verzeihen. Natürlich.

Trotzdem machen Fehler auch traurig.

Und während ich vom Sportgeschäft heimfahre, den Fußball auf dem Beifahrersitz betrachte – er sieht übrigens genau so aus, wie der, den sie bei der Weltmeisterschaft benutzen werden –beschließe ich etwas.

Ich will wieder mehr darauf achten, aufmerksam und offen zu sein für die Bedürfnisse von Tom, Julius, Michael und überhaupt, den Menschen um mich herum – das nehme ich mir mal mindestens für die nächsten zehn Jahre vor.

Aus Kindern werden Fußballer, Schreiner, Musiker, Kunsttherapeuten,  Friseure, Sportgeschäftefachverkäufer, Stubenhocker, Leseratten, Weltenbummler, Juristen, Ärzte, Rehabuggyfahrer, Frühaufsteher, gemütliche, strebsame,  gesunde oder kranke Menschen – ob es uns beliebt oder nicht.

Auch wenn mich der FC Bayern und auch der VFB nicht sonderlich interessieren, will ich Tom zuhören, wenn er mir davon berichtet. Richtig zuhören.

Das heißt, mit beiden Ohren! Und – vielleicht klingt das jetzt ein wenig kitschig – nicht nur mit den Ohren, sondern vor allem mit dem Herzen.

Ich hoffe, dass dann auch das Kloßgefühl  langsam wieder verschwindet.

So, nun muss ich aber aufhören, ich muss schließlich noch einen Fußball in Geschenkpapier einwickeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

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